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Die Reise beginnt

Montag, 26.Mai 2003

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Bundesverwaltungsgericht Leipzig

Bundesverwaltungsgericht Leipzig

Nach einem sehr schönen und gelungenem Wochenende in Sachsen1 fuhren wir von Röcknitz aus in unseren Sommerurlaub gen Süden. Das Ziel war Italien, im Besonderen der Lago Maggiore im Norden des Landes. Der Lago Maggiore war ein vergessener Kindheitstraum. Anfang der fünfziger Jahre war ich einmal mit meiner Mutter in einem Lichtbildervortrag über die oberitalienischen Seen in einem Gemeindehaus der Kirche am Eutritzscher Park in Leipzig. Die Bilder haben auf mich starken Eindruck gemacht und sich tief in meinem Gedächtnis eingeprägt. Für mich stand danach fest: Wenn ich groß bin, wollte ich auch einmal dorthin! Damals ahnte ich natürlich nicht, dass es erst knapp 40 Jahre später für mich möglich sein würde, nach Italien zu reisen. Nun endlich sollte dieser Kindheitstraum verwirklicht werden. Es fiel mir nicht schwer, Gudrun für dieses Urlaubsziel zu begeistern. Entsprechend gut war unsere Stimmung bei Reiseantritt.

Am schnellsten käme man von Röcknitz zur Autobahn A9 durch Leipzig, erklärten mir am Vortag meine Leipziger Wanderfreunde auf die Frage nach dem kürzesten Weg. Da wir gerne durch Leipzig fahren, hinterfragten wir diese Empfehlung nicht. Je näher wir Leipzigs Innenstadt kamen, desto dichter wurde der Verkehr und desto länger die Wartezeiten an den Ampeln. So hatte ich mir die Stadtdurchfahrt nicht vorgestellt! Als wir endlich in Großzschocher aus dem Gewühl heraus und auf einer neuen Zubringerstraße waren, fiel mir ein, dass ich für Thüringers in Bregenz eine „Leipziger Volkszeitung“ kaufen wollte. Darin war ein umfangreicher Beitrag über das Mount-Everest-Panoramabild im ehemaligen Gasometer abgedruckt, den ich gerne Hermann als Empfehlung für dessen bevorstehenden Besuch in Leipzig mitbringen wollte. Die Zubringerstraße führte übers freie Feld. Wir wussten bald nicht mehr, wo wir sind. Als linkerhand bzw. rechterhand die Dörfer Rehbach und Albersdorf angekündigt wurden, bogen wir von der neuen Straße ab. In Rehbach, später in Albersdorf bekamen wir keine Zeitung. Man schickte uns „in die Stadt“, nach Leipzig. Richtig lustig fand ich das nicht! Zähneknirschend fuhren wir zurück. So wie es mir beschrieben wurde. Wir hätten uns hier zurechtfinden müssen. Immerhin haben wir vier Jahre lang kaum drei Kilometer weit entfernt gewohnt. Doch wir merkten erst viel später, dass wir in Lausen gelandet waren.

Als wir beim Bäcker die Zeitung gekauft hatten, war unsere Irrfahrt längst nicht beendet. Ich hatte – auch wegen des trüben Himmel - überhaupt keinen Sinn mehr für Himmelsrichtungen. Kurz und gut, wir fuhren noch durch Grünau, Markranstädt, Quesitz und Lützen, ehe wir über die neue Autobahn A38 und das Kreuz Rippachtal zur A9 kamen. Diese Anekdote zeigt, in welche Schwierigkeiten selbst Ortskundige – zu denen ich mich noch zähle - durch den rasanten Fortschritt Leipzigs und dessen Umlandes kommen können.

Auf der Autobahn A9 rollte es endlich zügig. Behinderungen gab es praktisch nicht, nur streckte sich die Route mehr als ich gedacht hatte. Bald wurde ich des Fahrens überdrüssig und wollte die Tour so schnell als möglich hinter uns bringen. Nonstop fuhr ich bis Dinkelsbühl durch.

Dinkelsbühl geht der Ruf voraus, die positive Alternative zum kitschigen Rotenburg ob der Tauber zu sein. Gleichermaßen schön, aber nicht dem Massentourismus aus Japan und den USA verfallen. Wir waren gespannt, was an dem Gerede dran ist.

Das erste Erstaunliche war, dass man in die Stadt hineinfahren darf und nicht auf einem riesigen Parkplatz vor der Stadtmauer abgefangen wird. Mehr noch, unweit des Marktes fanden wir sogar an der Hauptstraße eine Stelle, wo wir kostenlos parken durften.

Hungrig und durstig nach der langen Fahrt war unser Augenmerk zunächst auf ein schönes Gasthaus gerichtet. Das fanden wir bald in dem gemütlichen Kneipenrestaurant „Café Extrablatt“ gleich neben dem Münster. Von der üppigen fränkischen Linsensuppe gestärkt und durchs Bier entspannt, vertraten wir uns vor der Weiterfahrt auf einem kurzen Stadtbummel die Füße. Die Stadt hatte es schwer, bei der diffusen, schwülen Witterung zu glänzen. Dennoch gefiel sie uns. Um beim genannten Vergleich zu bleiben: Dinkelsbühl wirkt städtischer als Rotenburg, viele Häuser sind größer, vor allem die Patrizierhäuser am Markt, deren hochragende Giebel durch ihre schnörkellose Form gefallen. Wenngleich am Weinmarkt ein herrliches Fachwerkgebäude steht, dominiert das Fachwerk – vor allem jenes mit dem sattsam bekannten exzessiven Blumenschmuck - nirgends. Umgeben von der vollständig erhaltenen Stadtmauer erschien uns die mittelalterliche Stadtanlage einigermaßen übersichtlich. Enge verwinkelte Gassen, in denen man sich verlaufen könnte, sahen wir nicht. In der Stadt pulsierte ganz normales Leben. Es gibt genügend Touristen in der Stadt, doch nicht alles scheint ausschließlich auf sie ausgerichtet zu werden. In das 500 Jahre alten Münster schauten wir auch kurz hinein. Die Größe seines Hauptschiffs beeindruckte uns. Das Innere ist für eine katholische Kirche erstaunlich schlicht. Draußen vor der Stadt bewunderten wir als Abschluss unserer Kurzvisite das Panorama der Stadtmauer mit ihren vielen Türmen.

Ohne Staus oder andere Verzögerungen erreichten wir Lindau. Gegen 17 Uhr hatten wir die lange Autofahrt überstanden und begrüßten Sabine, etwas später auch Hermann, der bei unserer Ankunft noch unterwegs war. Wie immer bei Sabine wurde bald exzellent und viel zu viel gegessen. Auch feiner Wein floss reichlich. Die Gespräche ließen kaum ein Thema aus. Familienereignisse, nationale Befindlichkeiten, das Reisen, der Segelsport und und und ... Es fügte sich für uns sehr gut, dass Sabine und Hermann in den beiden zurückliegenden Jahren ebenfalls in Cannero Riviera Wanderurlaub gemacht hatten und uns einige nützliche Information auf den Weg geben konnten. Nicht zuletzt zeigte uns Hermann seine Fotos, die uns einen sehr konkreten Eindruck der Bergwelt über dem Lago Maggiore vermittelten. Der für uns lange Tag endete erst weit nach Mitternacht.


1Ich war auf ÜBIG-Wanderung in Rochsburg unterwegs; Gudrun traf sich mit Katrin in Leipzig. Übernachtet haben wir in Röcknitz.

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