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Bregenz, ein bisschen Bodensee und keine Berge in Sicht

Dienstag, 27. Mai 2003

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Bregenz, ein bisschen Bodensee und keine Berge in Sicht

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LandesbibliothekWir waren schon ein bisschen entsetzt nach dem Aufstehen. Das Wetter hatte sich mitnichten über Nacht zum Besseren gewendet. Es schien heute gar nicht hell werden zu wollen. Eine dicke graue Suppe schwebte in der windstillen Luft. Es war weder Regen noch sonst etwas ähnliches. Völlig illusorisch, an eine kleine Segelpartie zu denken oder hinauf auf einen Berg zu gehen. Der von Thüringers immer wieder zur Sprache gebrachte Bregenzer Hausberg, der Pfänder, ist uns noch ebenso unbekannt wie die Stadt selbst. Das Wetter, das wir in Bregenz erleben, entwickelt sich scheinbar nach dem Gesetz der Serie. Wir hatten hier bisher immer nur extreme, meist sehr heiße Witterungen. Aber was soll es, ändern können wir nichts, nur daraus machen können wir etwas!

Als Resultat der Frühstücksdiskussion beschlossen wir, uns am Vormittag zusammen mit Sabine die Vorarlberger Landesbibliothek anzusehen und anschließend zum Markt zu fahren. Danach stand der Besuch einer Kunstausstellung und ein Spaziergang in die Oberstadt auf dem Plan.

Die Vorarlberger Landesbibliothek befindet sich am Waldrand unterhalb des Gebhardsberges und wurde im Jahre 1986 in dem eigens für die Anforderungen einer modernen Bibliothek umgebauten Anwesen des ehemaligen St. Gallusstifts untergebracht. Uns interessierte vor allem der Lesesaal unter der Kuppel der Abteikirche, von dem wir am Abend zuvor ein Bild gesehen hatten. Dieser Saal ist tatsächlich das Schmuckstück des Baus. Genial wurde hier Funktionales und Schönes mit einander verbunden. Tische, Stühle, Regale, die Treppen und der Fußboden sind eschenfarben und passen genau zu der Farbe, mit der an den Wänden die Kanten, Absätze und Säulen gestrichen sind. Die Stuhl- und Tischbeine, die Regalleitern und Treppengeländer sind dagegen aus mattsilbrigem Metall und harmonieren so mit der Orgel. Darüber hinaus durchbricht die Anordnung der Leseplätze in mehreren Ebenen die traditionelle Form von Lesesälen und sorgt für optische Abwechslung und Spannung. Die zahlreichen und meist großen lichtdurchlässigen Fenster der Kirche sorgten trotz der Tristesse draußen für eine Beleuchtung, die den Raum ins rechte Licht setzte. Wir waren total begeistert.

Der Markt unten im Stadtzentrum war nicht groß, die Stände hielten untereinander respektvollen Abstand. Eine besondere Stimmung konnte heute nicht aufkommen. Dazu drückte die komische Witterung allen zu sehr auf den Kopf. Die angebotenen Waren hatten sehr gute Qualität, die man sich aber auch sehr hoch bezahlen ließ. Vor allem das Gemüse war Klasse.

Nach unserer kurzen Marktinspektion trennten wir uns von Sabine und gingen ins Kunsthaus. Das Kunsthaus ist architektonisch als Würfel aus Beton und Glas konzipiert, der eine Außenhaut aus Milchglaspaneelen erhielt, hinter denen auch die Haustechnik installiert wurde. Die Strukturen von verschiedenen Anlagen wie den Reinigungstreppen sind unscharf von außen sichtbar und brechen das monotone Bild einer rechteckigen Milchglasfront auf.

Das Kunsthaus steht im Licht des Bodensees. Sein Körper ist aus Glasplatten, Stahl und einer Steinmasse aus gegossenem Beton gebaut, die im Innern des Hauses Struktur und Raum bildet. Von außen betrachtet wirkt das Gebäude wie ein Leuchtkörper. Es nimmt das wechselnde Licht des Himmels, das Dunstlicht des Sees in sich auf, strahlt Licht und Farbe zurück und lässt, je nach Blickwinkel, Tageszeit und Witterung etwas von seinem Innenleben erahnen“ schreibt der Schweizer Architekt Peter Zumthor über sein Haus.

Ich wurde nicht schlüssig, ob mir das Gebäude gefällt und ob es in die Nachbarschaft von Theater und Museumscafé passt. Die Verwaltung und die heute unerlässlichen Cafés und Museumsshops sind ausgegliedert und befinden sich in einem separaten Gebäude wenige Schritte über den Vorplatz entfernt. So kann sich der Besucher im Kunsthaus in Ruhe auf das Wesentliche konzentrieren: Die Ausstellungsobjekte. Bei der aktuellen Ausstellung war viel Vorstellungskraft von Nöten. „Fragmente Bregenz“ wurde die Exposition von Gerhard Merz genannt. Mehr schienen die Objekte aus unserer Sicht auch nicht zu sein. Im Erdgeschoss, wo man den Rundgang zwangsläufig beginnt, gaben wir uns noch viel Mühe, den wenigen Exponaten eine Idee oder einen ästhetischen Aspekt abzugewinnen. Außer einer gewissen Spielerei mit dem Raumlicht konnten wir aber nichts entdecken. Wir mussten im Programmheft lesen, um auf die Absichten des Künstlers zu kommen. Wenn Kunst für alle gemacht werden soll, oder wenn viele in irgendeiner Weise – zum Beispiel durch Provokation – aus der Reserve gelockt werden sollen, ist es eine Zumutung, erst irgendwo lesen zu müssen, was beabsichtigt ist. Schnell befiel mich Langeweile und Desinteresse. Diese Gefühle verstärkten sich von Etage zu Etage. Die Ausstellungsstücke mutierten mehr und mehr zu Fragmenten von Fragmenten. Dem Künstler ging genau wie uns die Luft aus. Je höher das Stockwerk, desto schwüler und unbehaglicher wurde es. Die Lust auf solch eigenartige Kunst verging uns. Das Fazit fiel enttäuschend aus.

Draußen hatte die Luftfeuchtigkeit mittlerweile 100% erreicht. Der Schweiß verdunstete nicht mehr. Vermutlich wäre mein Jackett, das mir schon lange lästig war, in der dicken Luft nicht einmal in sich zusammen gerutscht, wenn ich es einfach auf die Erde „gestellt“ hätte. Der Kreislauf drohte zusammenzubrechen. Etwas ziellos trödelten wir im Kommerzviertel von Bregenz herum. Dann rissen wir uns zusammen und gingen hinauf in die Oberstadt. Schließlich mussten wir auch etwas auf eigene Faust erkundet haben, wenn wir nicht blamiert zu Sabine und Hermann zurückkommen wollten.

Noch unten, nahe am Stadtzentrum, an der Kirchstraße Nr. 29, kamen wir am angeblich schmalsten Haus von Europa vorbei. Sicherlich ist nur die Vorderfront wirklich 57 cm schmal, das Haus wird sich nach hinten verbreitern, denn die beiden Nachbarhäuser stehen winklig zueinander. Es wird wie bei vielen Superlativen sein, man muss das Besondere richtig herausstellen und die restliche Wahrheit verschweigen.

Die Oberstadt liegt wie eine Burg auf einem abgeflachten Hügel oberhalb des heutigen Stadtzentrums. Der kürzeste Weg führt über eine Treppe hinauf. Wir wählten den flacheren Aufstieg entlang der Straße, in der Hoffnung, so nicht allzu sehr ins Schwitzen zu kommen. Ein Fehlschluss! Oben spazierten wir zuerst einmal ohne bestimmtes Ziel durch die drei parallel verlaufenden Straßen der halbwegs rechteckig angelegten Oberstadt, um den Schweiß etwas abtrocknen zu lassen. Doch bei der Kürze der Strecken hatten wir keine Chance.

Das alte Bregenz konnte wie Dinkelsbühl seine mittelalterlicher Stadtanlage über die Jahrhunderte bewahren. Jetzt, wo das Bewusstsein der Menschen zur Erhaltung historischer Schätze stärker ausgeprägt ist als je zuvor, steht die Oberstadt als Ganzes selbstverständlich unter Denkmalschutz.

Die äußeren Häuserblöcke stehen praktisch auf der alten Stadtmauer und bilden die äußere Grenze des Hügelplateaus. Mehr noch als von unten wird hier oben die strategisch günstige Lage bewusst. Weiter Blick auf den See und ins Land, nur von einer Seite, von Osten, leicht erreichbar. Die Besiedlung der Region hatte hier begonnen. Die Fläche des Plateaus ist ziemlich klein, so dass die Stadt mit der Herausbildung städtischer Strukturen schnell zu eng wurde und nach unten zum See hin expandierte.

Heute findet man eine unspektakuläre Mischnutzung aus Wohnhäusern, Behörden und einer Schule vor. Eindrucksvollstes Gebäude ist der quadratische Martinsturm an der Nordwestecke. Ursprünglich war er ein Getreidespeicher, wurde um 1600 aufgestockt. Durch seine markante Lage über Bregenz und auch wegen seiner großen Zwiebelkuppel wurde der Turm zum Wahrzeichen von Bregenz. Heute befindet sich in seinen beiden oberen Etagen ein kleines privates Militärmuseum. Nach einigem Zögern sind wir hinaufgestiegen, vor allem weil uns die hölzerne Außentreppe gefiel. Doch es sprach uns weder das Museum an noch hatten wir von der oberen Aussichtsetage irgendeine bemerkenswerte Aussicht auf Bregenz und den Bodensee. Es waren nicht nur der Nebel, sondern auch die beschlagenen Scheiben, die alles in einem dicken grauen Brei untergehen ließen.

Unten grenzt eine kleine Kirche an den Turm. In ihr wurden vor 6 Jahren bemerkenswerte Wandfresken aus dem 14. Jahrhundert entdeckt und inzwischen restauriert. Na ja, toll fand ich sie nicht. Es ist nicht alles gut, nur weil es alt ist! Das schlechte Wetter war wirklich schade! Nicht nur vom Martinsturm, sondern auch von den Toren oder Durchgängen der Oberstadt hätte man wunderschöne Ausblicke auf den See, den Pfänder, die Landesbibliothek oder die Stadtkirche St. Gallus gehabt.

Bregenz

Besonders reizvoll empfanden wir die sich am Hang hinziehenden Gärten, deren Terrassen alle irgendwie verschlungen und verwinkelt angelegt sind. Eine hübsche gusseiserne Brücke verband zwei Gärten miteinander und überbrückte eine Steintreppe, die als Hohlweg zur Kirchstraße hinab führte. Nach dieser Exkursion in die Bregenzer Oberstadt wurde es Zeit, zurück zu marschieren. Sabine sollte mit ihrem leckeren Essen nicht auf uns warten müssen.

Erwartungsgemäß blieben alle lange am Tisch sitzen. Erst als Hermann zum Hafen hinunter musste, um einiges am Segelschiff zu reparieren, löste sich die Tafel auf. Danach bewiesen wir durch Untätigkeit und Faulsein, dass wir Urlauber sind. Als sich am späten Nachmittag das Wetter aufzuhellen schien, zog es uns doch wieder hinaus.

Auf unseren Wunsch fuhren wir zum Kloster Mehrerau, das wir auf dem Stadtplan entdeckten. Es liegt nicht weit vom Yachthafen entfernt, so dass sich auch ein Abstecher zu Hermann machen lassen würde, der immer noch am Boot bastelte. Die Klosteranlage Mehrerau ist weitläufig, offen und beachtlich groß. Entsprechend vielfältig ist seine Nutzung. Angeschlossen sind ein Gymnasium, ein Sanatorium, ein Landwirtschaftsbetrieb, der Klosterkeller und die Klosterkirche. Zum privaten Gymnasium gehören das Internat und die Vorarlberger Fußballakademie.

Letzteres erscheint mir sehr modern für ein Zisterzienserkloster. Neben dem Klosterkeller ist nur die Kirche für Besucher geöffnet. Die Kirche ist nicht sehr alt, sie wurde zwischen 1855 und 1859 erbaut, nachdem die alte 1808 abgetragen wurde und ihre Steine zum Bau der Lindauer Hafenmole verwendet wurden. Schmuck und Ausstattung sind zeitgenössisch und gefielen uns ganz gut. Erstaunlich ist nur, dass das Langschiff nicht klassisch in Ostwestrichtung erbaut wurde. Der Hauptgrund für unsere Stippvisite im Kloster, der angeblich sehr schöne Kreuzgang, ist leider für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.Nachdem wir Hermann am Boot einen kurzen Besuch abgestattet hatten, fuhren wir weiter zum Festspielhaus. Unterwegs sahen wir ein ausgebüchstes Pferd auf der Straße herumtollen. Damit nichts Schlimmes mit dem Pferd, Passanten oder Autofahrern passiert, benachrichtigten wir im Hof des Gasthauses „Lamm“ den Besitzer des Tieres.

Auf der Seebühne des Bregenzer Festspielhauses wurden gerade die Kulissen der „Westside story“ installiert. Schon jetzt beeindruckte uns das stählerne Gerüst. Wie wird es erst aussehen, wenn alles fertig ist? Was für Lichteffekte kann man in diesem technokratischen Gebilde zaubern, wenn die Sonne hinterm Bodensee verschwunden ist? Sicher werden die Vorstellungen zu einem optischen Spektakel allererster Güte.

Mit Essen, Reden und Trinken verbrachten wir zu viert einen schönen Abend.

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