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Das Kloster Eremo di St. Caterina del Sasso Himmelfahrt, 29. Mai 2003 |
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Heute ist doch Himmelfahrt, wieso kommt da zehn vor sieben das
Müllauto und weckt uns mit einem höllischen Scheppern? Wird
in Italien an so einem Feiertag etwa gearbeitet? Einige Tage später
in der Schweiz erfuhren wir, dass die Regierung Italiens Mitte der
90iger Jahre eine viel radikalere Streichung von Feiertagen anordnete
als sie Deutschland je erlebte. Bis dahin soll es so viele
landesweite und regionale – hauptsächlich natürlich
kirchliche – Feiertage gegeben haben, dass kaum einmal eine
Woche 5 Arbeitstage hatte. Dass wir erst kurz vor um Sieben durch Fremdeinfluss munter wurden, zeugt von unserem guten Schlaf. Wir waren gespannt auf das italienische Frühstück und wurden angenehm überrascht. Es gab guten Kaffee, leckeres Brot, Brioches mit Marmeladenfüllung, verschiedene Käse und Schinken – der Käse war aus dem Piemont und der Schinken aus Parma, wie der Küchenchef ausdrücklich erklärte - Butter, die auffällig weiß war, Jogurt und Saft. Alles war reichlich vorhanden! Nur die Gazetta della Sport fehlte noch, wo die doch wegen der Ergebnisse des gerade stattfindenden Giro d'Italia so wichtig gewesen wäre. Wenige Kilometer südlich von Cerro liegt das Kloster Eremo di St. Caterina del Sasso. Das ist eine der wenigen Sehenswürdigkeiten in der hiesigen Region, die in Reiseführern erwähnt ist. Dorthin fuhren wir nach dem Frühstück. Schon im nächsten Ort Reno darf man nicht zu schnell fahren, um den Abzweig nicht zu verpassen. Ein Stück zwischen abgeschotteten Grundstücken den Hang abwärts und man ist auf dem Parkplatz. Am Kloster ist man noch lange nicht. Über sich in Serpentinen windende Treppen steigt man noch einige Höhenmeter nach unten. Als wir an der Pforte des Klosters ankamen, begann gerade eine deutschsprachige Führung. Wir taten, als gehörten wir dazu, was prima klappte. Als wir das Klostergelände betraten, überwältigte uns die Melange aus Blumen, Sonne, Wasser, Bergen und alten, am Felshang klebenden Gemäuern. Steil unter uns legte gerade ein von Stresa kommendes Linienschiff an und brachte weitere Besucher zum Kloster. Warum wussten wir nichts von dieser Schiffslinie zum Kloster? Uns mangelte es offensichtlich an guter Planung und Ortskenntnis! Das Kloster vom Schiff aus zu sehen, wäre gewiss ein besonderes Erlebnis gewesen. Nun gut! Was sagen wir in solchen Situationen immer: Man kann nicht alles haben! Die Führung verlor sich bald in Einzelheiten, die uns nicht ansprachen oder interessierten. So erkundeten wir in Ruhe und Eigenregie das Kloster. Nur wenn sich der Weg der Gruppe mit unserem kreuzte, lauschten wir nochmals kurz in den Vortrag hinein. Interessant und außergewöhnlich ist die Baugeschichte der jetzigen Kirche. Im 12. Jahrhundert geriet der reiche Alberto Besozzi auf dem See in einen fürchterlichen Sturm. In seiner Not legte er das Gelübde ab, für den Fall seiner Rettung in Armut und Bescheidenheit zu leben und sein Hab und Gut mit den Bedürftigen zu teilen. Er überlebte den Sturm, erreichte das Ufer und lebte fortan als Einsiedler in einer Grotte. In der Nähe dieser Grotte wurde zum Schutz vor der Pest eine kleine Kapelle erbaut, die der heiligen Katerina von Alessandria geweiht wurde. In dieser Kirche ist auch Besozzi begraben. Später kamen zwei weitere kleine Kirchen hinzu: eine der Jungfrau gewidmete und eine Kirche von Dominikanermönchen. Im 15. Jahrhundert wurde der Platz zu klein. Man kam auf den naheliegenden Gedanken, aus drei Kirchen eine zu machen. Auf diese Weise sind in der heutigen Klosterkirche drei Kirchenschiffe auf eine Weise vereint, die keiner der üblichen Regeln entspricht. Allen voran die, nach der eine Kirche stets in Ostwestrichtung zu erbauen ist. Auch hat das heutige Schiff einen Knick in der Mauer, genau dort wo zwei der alten Kapellen zusammenwuchsen. Das Kircheninnere war gerade eine große Baustelle. Decken- und Wandfresken wurden restauriert. Seinen endgültigen Namen bekam das Kloster nach 1640, weil damals eine Steinlawine („sasso“) auf die Gebäude hernieder ging und durchs Dach der ersten Kapelle aufgehalten wurde. Heute leiten Benediktinermönche das Kloster. Wir hielten uns im Kloster lange im Freien auf. Die Aussicht über den See war trotz des Dunstes zu gigantisch, um sie nur im Vorübergehen „mitzunehmen“. Stresa, die Borromäischen Inseln, Palanzza und der Alpenhauptkamm lagen im Blickfeld. Unter uns kam inzwischen das nächste Schiff aus Stresa an. Wir überlegten schon, ob wir eine Tour mitmachen sollten. Ein Blick in den Fahrplan und auf die Uhr genügte, um die Idee fallen zu lassen. Die Schiffe halten nur am Kloster, wenn es geöffnet ist. In der zweistündigen Mittagspause ruhte also auch der Schiffsverkehr unten am Anleger. Der Abschied vom Kloster fiel schwer und war Schweiß treibend. Die Treppe nach oben war steil und lang. Wenigstens lag sie in üppiger Vegetation, die etwas Schatten spendete. Einmal auf Kultur und Geschichte eingestimmt, lotste uns Gudrun noch zur Kirche „Chiesa di Santa Maria del Sasso“. Der Weg war durch das dicht besiedelte Gebiet mit vielen engen und kurvigen Straßen nicht leicht zu finden. Zum Glück gab uns irgendwann der Kirchturm oben am Hang eines Bergrückens die grobe Richtung an. Als wir dann vor der Kirche ankamen, war es eine wie viele andere. Auch innen fanden wir an nichts Gefallen. Neben der Kirche – etwas oberhalb – standen eine Reihe von mehrstöckigen Häusern, die von einer weitläufigen hohen Mauer umgeben waren. Zunächst glaubten wir ein zur Kirche gehörendes Kloster gefunden zu haben. Doch als sich bei unserem Kommen das große Tor automatisch schloss, verwarfen wir diese Vermutung schnell. So sichert sich kein Kloster. Die schwenkbare Kamera neben dem Tor ließ in uns Ex-DDR-Bewohner einen schlimmeren Verdacht aufkommen. Der Abstecher hierher war wenig ergiebig, aber immerhin hatten wir das östliche Hinterland des Lago Maggiore ein wenig durchstreift. Wir fuhren nun auf dem kürzesten Weg nach Laveno und wurden kurz vor der Mittagspause gerade noch in den Supermarkt gelassen. Anschließend setzten wir uns auf eine schattige Bank an der Uferpromenade. Hier jedoch war absolut nichts los. Wir mussten uns mit dem Anblick des schönen Stadtpanoramas oder der eigenartig gestutzten Platanen begnügen. Es waren nicht einmal Touristen unterwegs. Selbst für die Fähren bestand keine Gefahr, wegen Überladung auf Grund zu laufen. Kurzerhand fuhren wir zurück nach Cerro und setzten uns an einen der vielen luftigen Tische der Strandbar. Hier war es ungleich stimmungsvoller als eben in Laveno. In Cerro trafen alle guten Klischees zu, die man mit Italien in Verbindung bringt. Warmer Wind, Palmen, ein blauer See, Eisverkäufer, lärmende Kinder, südländische Dorfarchitektur, der pastellfarbene Anstrich meist leicht verkommen, dabei doch charmant und nicht morbid. Das Leben findet im Freien statt. Die alten Männer spielen Karten, nicht Boule wie im westlichen Nachbarland. Gleich mehrere Tische der Bar sind von ihnen belegt. Beim Spiel geht es konzentriert zu, nicht etwa italienisch lärmend. Nach zwei Bieren verließen wir die Bar und verlagerten unsere Stellung auf eine Bank unter einer schattigen Platane neben dem Hafen. Die Szenerie war nun ein bisschen anders. Gerade wurde ein Motorboot zu Wasser gelassen. Die dicken Männer bewältigten das nicht besonders elegant, eher wie in einem Slapstickfilm, aber auf jeden Fall mit hohem Unterhaltungswert für uns Unbeteiligte. Als das Boot endlich im Wasser war, wurde eine regelrechte Showfahrt veranstaltet. Entweder die Typen brauchten das für ihr Ego oder das Boot sollte verkauft werden und musste seine Klasse unter Beweis stellen. Unsere annektierte Bank eignete sich auch gut für unser spätes Mittagspicknick. Es gab geräucherten Käse mit Ciabatta. Sehr lecker! Die Lichtstimmung am See änderte sich. Auf der anderen Seeseite zog ein Gewitter auf, das den See in unwirklich düsteren Farben verdunkelte. Die Dramatik der Szenerie steigerte sich von Minute zu Minute. Wir wussten nicht, wie hier Gewitter sein können. Deshalb brachten wir alles was wir dabei hatten in Sicherheit, d.h. ins Auto oder ins Hotel. Das Gewitter hatte danach unser Ufer noch nicht erreicht. Deshalb nahmen wir noch einen kleinen Spaziergang in Angriff. An der Hauptstraße begann ein markierter Weg nach Laveno. Von Beginn an ging es zwischen Grundstücken und wild zugewachsenem Wald bergan. Nach zehn Minuten hatten wir ein Plateau erreicht, ohne auf der bisherigen Strecke irgendwelche Schönheiten entdeckt zu haben. Es war schlicht ein langweiliger Waldweg. Wir brachen die Tour kurzerhand wieder ab. Auch weil sich mein Körper einfach noch nicht auf die hohen Temperaturen einstellen konnte. Ich war nach der kurzen Strecke total durchgeschwitzt. Außerdem macht mir Gewitterluft seit eh und je Beschwerden. Zurück im Dorf liefen wir nicht auf kürzestem Weg zum Hotel, sondern streiften durch die Sträßchen und Gassen. Besonderes Interesse weckte der Kirchturm mit seinen Glocken. Die Glocken sind in die glaslosen Fensterhöhlen eingebaut und werden von einer Schwungradkonstruktion in Gang gesetzt. Die Bauweise hätte ich gerne aus der Nähe gesehen, aber leider war die Kirche verschlossen und niemand zur Erklärung in der Nähe. Die Glocken selbst hatten einen ärmlichen Klang, überhaupt nicht voll, man hätte auch auf eine Stahlplatte klopfen können. Unser Tatendrang hatte sich für heute erschöpft. Gudrun war nach ihrer wochenlang nicht richtig auskurierten Erkältung noch immer sehr erholungsbedürftig. Wir legten uns deshalb hin und schliefen zwei Stunden. Als wir um Sechs aufwachten, spürten wir, dass wir diese Ruhepause nötig hatten. Urlaub soll nicht nur Reisen und Erleben sein, sondern auch Erholung. Nach dem Essen mit sehr leckeren hausgemachten Gnocchi in Gorgonzolasoße gingen wir noch einmal die 100 Meter hinunter zur Strandpromenade. Das Treiben war bunt wie am Nachmittag, die Luft angenehm lau. Wir setzten uns auf eine Bank und beobachteten das Fortschreiten der Dämmerung und das Angehen der Lichter am gegenüberliegenden Ufer. Es war auch die Gelegenheit, ein erstes Reisefazit zu ziehen. Auf der Habenseite stehen da die tolle Landschaft, die hilfsbereiten Italiener, insbesondere fleißige Automechaniker, billigeres Essen als in Frankreich, hervorragendes Frühstück. Dagegen ist es auf den Straßen hektisch, die Beschilderung ist mangelhaft, es gibt keine Halbpension, touristische Informationsquellen fehlen. Was fiel noch auf? Sehr viele Friedensfahnen („PACE“) sind an den Häusern zu sehen. Auch fast jeder Hang ist damit geschmückt. Oft hat man die Fahne einfach an eine Stromleitung gehängt. Die Privatgrundstücke sind meist gut abgeschottet. Von außen gibt es selten Lücken, durch die man einen Blick auf ein Grundstück werfen kann. Dadurch sind auch die Zugänge zum See sehr beschränkt. Es gibt überall hohe Bäume und gewaltige Sträucher. Dazwischen ragen immer wieder schlanke Palmen in die Höhe. Der Wald ist vielfältiger Mischwald. Brachen gibt es praktisch nicht, ungenutzte Flächen sind in Nullkommanichts zugewachsen. Für einen bei Hamburg lebenden Sachsen ist solche üppige Vegetation ein beeindruckendes Erlebnis. |
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