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Arcumeggias Bilder Freitag, 30. Mai 2003 |
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Der heutige Tag nahm einen ähnlichen Verlauf wie der gestrige. Kultureller Höhepunkt war der Spaziergang durch Arcumeggia.
Wir sahen uns zuerst die Kirche an, deren äußeres Umfeld uns viel besser gefiel als ihr dunkles Innere. Links neben der Kirche stand eine mannsgroße Bronzeplastik eines freundlichen Benediktinermönches, rechterhand vorm Portal war eine halbrunde Mauer mit 12 schönen Bildern bemalt. Schräg darunter befand sich der Friedhof. Friedhöfe sehen wir uns immer an, wenn wir in einer unbekannten Gegend sind. Grabkultur war hier sehr vielfältig. Novum für uns waren die Grabsteine mit Fotos der Verstorbenen. Häufig hatte man Bildnisse aus der Glanzzeit des Beerdigten verwendet, so dass wir Studien über die Schönheitsideale früherer Jahrzehnte anstellten. Manche Frau aus Arcumeggia hätte Greta Garbo oder Marlene Dietrich Konkurrenz machen können. Jedenfalls den Fotos zufolge. Der Friedhof wurde auf zwei Seiten von hohen Urnenkammerwänden begrenzt. Zuerst fand ich das als sehr gute und praktisch Idee, das Platzproblem zu lösen. Nach dem zweiten Hinsehen musste ich über die Konsequenz lachen. Die Frontplatten der Grabkammern werden natürlich wie jedes „normale“ Grab regelmäßig geschmückt und gepflegt. Um an die oberen Reihen heranzukommen, gibt es vor jeder Wand Leiterwagen, auf denen man mit der Gießkanne hochsteigen und gießen kann. So weit, so gut, so lange man rüstig ist! Doch wie kommt eine gebrechliche Alte heil rauf und runter? Der Gang durchs Dorf dauert nicht sehr lange. Der Rundgang ist wie ein Suchspiel, will man alle knapp 40 nummerierten Gemälde finden, denn einen Lageplan gibt es nur auf Schautafeln am Ortseingang und leider nirgends als Zettel. Insgesamt sind ungefähr 200 Bilder vorhanden. Das Dorf ist trotz der gut gemeinten Initiative von 1956 fast nicht mehr bewohnt. Steil, eng und verwinkelt sind die Gassen. Das alte Kopfsteinpflaster war von dem gestrigem Gewitter noch eingeschlammt. Wir kamen an zwei Brunnen vorbei und fragten uns, ob das heute noch die Wasserquellen des Dorfes sind. Die Osteria und eine Bar komplettieren die Infrastruktur des Ortes. Die Gemälde hatten sehr unterschiedliche Themen und Motive. Viele Bilder hatten ihren Glanz und ihre Pracht längst verloren und könnten Restauratoren gebrauchen. Trotz allem zeugten viele von hoher Kunst und Schönheit. Mein Favorit war ein jüngeres Gemälde von Antonio Pedretti an einer neu getünchten weißen Wand. Es hieß „ Nelle Alpi Cuore d'Europa, Le Radici dell'Unione“ und war ein modernes, fast abstraktes Alpengemälde fernab von allen Klischees und alten Sichtweisen auf die Bergwelt der Alpen. Passend zum gerade stattfindenden Giro D'Italia war das Gemälde „Corridori“ von Aligi Sassu aus dem Jahre 1957. Die Namen der meisten Künstler waren uns unbekannt. Sucht man im Internet nach ihren Namen, stellt man fest, dass alle zu den namhaften Künstlern Italiens gehören. Arcumeggia blieb nicht der einzige Ort, der sich auf diese Weise verschönern ließ. Auch Brindisi, Carpi, Monachesi, Sassu, Usellini sollen solche Freiluftgalerien sein. Als wir unseren Rundgang beendet hatten, blieb vom Vormittag noch genug übrig, auf einem anderen Weg zurück nach Laveno zu fahren. Also verließen wir Arcumeggia am anderen Ortsende und fuhren durch schönen Mischwald in Richtung Norden weiter.
Alsbald erreichten wir den Passo S. Antonio. Hier kreuzten sich verschiedene kleine Bergstraßen. Gudrun ließ mich abrupt halten, weil sie eine breite Lücke zwischen den Bäumen am Hang entdeckt hatte, die Aussicht auf den Lago versprach. Die Lücke entpuppte sich als eine Art Balkon und gleichzeitig als Vorplatz der kleinen Kapelle S. Antonio. Der Ausblick über den nördlichen Teil des Lago Maggiore war trotz des leichten Dunstes fantastisch. Am anderen Ufer entdeckten wir Cannero Riviera und oberhalb davon Trarego und Cheglio, wo wir ab morgen ein Ferienhaus bewohnen würden. So erhielt unsere Vorfreude neue Nahrung. Auf verschlungenen, nicht ganz so schmalen Straßen fuhren wir hinab zum Seeufer nach Porto Valtravaglia. Während Gudrun eine Briefmarke kaufte, sah ich mich nach Fotomotiven um. Ich fand jedoch nichts Außergewöhnliches. In Laveno gibt es auf dem Hügel der in den See ragenden Landzunge eine Burgruine. Das Gelände oben wird Parco Castello genannt. Der Aufstieg über einen Wiesenweg war sehr schweißtreibend, denn der Hang lag in der prallen Sonne. Oben war außer ein paar Mauern und Turmresten nicht viel zu sehen. Aber der Blick auf Laveno, auf die Dächer der Stadt und auf den Hafen mit den ein- und auslaufenden Fähren war recht nett. Nach diesem Abstecher setzten wir uns in Laveno in eine Bar und tranken kühles Bier. Wie in Belgien bekamen wir zu den Getränken ein Tellerchen Chips zum Knabbern. Ob der Grund dafür der gleiche wie in Belgien ist, wo man seine Getränke nur bezahlen muss, wenn man auch etwas zu essen bekommen hat, wissen wir nicht. Jetzt beim Nacherleben und Schreiben des Berichtes stieß ich auf Alfredo Binda und das ihm zu Ehren in Cittiglio eingerichtete Museum. In Cittiglio, keine 10 Kilometer von Laveno entfernt, wurde Binda 1902 geboren. Er war bis zum Beginn des Giro 2003 der Radrennfahrer mit den meisten Etappensiegen beim Giro D'Italia. Stolze 41 Siege, erzielt in den Jahren von 1926 bis 1933, stehen auf seinem Konto. Der Italiener Mario Cipollini jagte diesem Rekord seit Jahren nach, aber erst am 18. Mai 2003 gelang es ihm auf der 8.Etappe des Giro, den Rekord zu brechen. Mehr noch, tags darauf siegte Mario nochmals und ist nun alleiniger Spitzenreiter. In den letzten Jahren ist in den Medien viel über Cipollinis Vorhaben gesagt und geschrieben worden, so dass wir uns dieses Museum bestimmt gern angesehen hätten. Leider sind wir nirgends darauf aufmerksam gemacht worden. Diese Pleite wäre in Frankreich nicht passiert. Dort sind solche außergewöhnlichen und speziellen Objekte der Heimatkunde bestens herausgestellt und dank ordentlicher und aussagekräftiger Beschilderungen auch ohne elektronische Navigationssysteme im Auto für jedermann auffindbar.
Nach der Erfrischung in der Bar unter den Arkaden fuhren wir von Laveno zurück nach Cerro und machten wie gestern an der Uferpromenade in alle Ruhe Urlaub. Gudrun las auf einer Bank, ich ärgerte mich, weil ich zweimal im falschen Augenblick fotografiert hatte. Als ich alles im Kasten hatte, klarte der Himmel auf und alles was vorher optisch ziemlich flach war, wurde brillant. Auch einen angelnden Jungen – später eskortiert von seinem Opa – bekam ich nicht so vor die Linse wie ich es geplant hatte. Nichtsdestotrotz war es schön, weil es viel zu beobachten gab. Die Segler schrubbten ihre Schiffe fürs Wochenende sauber, die Kinder tollten herum und machten alte Gruppenspiele wie sie bei uns undenkbar scheinen. Vor allem weil sich alle Altersklassen daran beteiligten. Wie gestern machten wir Picknick auf einer Bank. Heute mit „heißem“ Käse, das schmeckte doppelt gut. Als wir das italienische Kugeleis probieren wollten, war es alle. Am Freitagmittag und das in Italien, dem Eisland schlechthin. Wir waren entsetzt und mussten uns mit einem Magnum begnügen, das wir an der Strandbar, die sich offiziell Kiosk nennt, kauften. Am Abend wollten wir eine der letzten Gelegenheiten nutzen und originale italienische Pizza probieren. Zuerst wollten wir eine Pizzeria im Hinterland suchen, doch fanden wir nur welche, die uns nicht gefielen. In Laveno waren wir auch erst unschlüssig, setzten uns dann schließlich in eine, bei der uns die anfängliche Leere und der geringe Schutz vor der Sonne nicht behagte. Es dauerte nicht lange, bis beide Sorgen gegenstandslos waren. Nach uns füllte sich die Pizzeria schnell, die Sonne brauchte etwas länger bis sie hinterm Nachbarhaus verschwunden war. Die Pizze waren Klasse: Der Pizzateig dünn, sehr guter Mozarella, feiner Belag. Wir bereuten die Entscheidung zugunsten dieses Lokals nicht. Es war ziemlich laut im Restaurant, aber es gibt auch ruhige Augenblicke: Genau dann, wenn bestellt wird!!! Gudrun fand beim Aufstehen einen Knopf auf dem Boden und wollte ihn erst mir, dann an den Nachbartischen anbieten. Knapp vor der Superpeinlichkeit für sie und dem Lacher für die anderen merkte sie, dass ihr Hosenknopf fehlte. So lachte nur ich und sie kam mit einem unbemerkten roten Kopf davon. Nach der guten Pizza hielt Gudruns Hose auch ohne Knopf. Zurück in Cerro setzten wir uns ans Ufer und beobachteten einen fantastischen Sonnenuntergang. Die Bewölkung über den Bergen machte den besonderen Reiz aus. Hinten waren die 4000er zu sehen, über dem Monte Zeda bildete sich so etwas wie ein roter Heiligenschein. Reflektionen auf dem Wasser und das Lichtermeer an den Hängen komplettierten das Bild. Als das Schaupiel vorüber war setzten wir uns auf ein Glas Wein vor die Dorfschänke und ließen einen schönen Tag ausklingen. |
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