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Der rosa Tag

Sonnabend, 31. Mai 2003

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Die Reise beginnt

Bregenz, ein bisschen Bodensee und keine Berge in Sicht

Stippvisite in Bellinzona und der Intercooler

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Der rosa Tag

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Heute zogen wir auf die andere Seeseite nach Trarego um. Das Bergdorf Trarego erreicht man von Cannero Riviera, das unten am Lago Maggiore liegt. Wenige Autominuten von Cannero Riviera entfernt befindet sich das Städtchen Cannobio. Dort erfolgte heute der Start der vorletzten Etappe des diesjährigen Giro d'Italia. Bevor wir das Ferienhaus in Trarego beziehen durften, war genügend Zeit, dieses Spektakel zu verfolgen. Bei uns Radsportfans vermutet man natürlich Absicht, dass Termin und Ort unserer Ferien mit dem Giro so glücklich zusammen fielen, doch es war purer Zufall. Der Giro ist ein Großereignis, das auch die Reiseveranstalter beachten müssen. Unser Ferienhausvermittler wies extra in seiner Wegbeschreibung auf die mit dem Giro verbundenen Straßensperren hin und lieferte detaillierte Vorschriften für die Kontaktaufnahmen mit dem örtlichen Vermieter. Wir amüsierten uns ein bisschen bei der Vorstellung, wie wohl Leute über diese Hinweise denken, die noch nie das Drumherum eines Radrennens erlebt haben und vielleicht glauben, die Empfehlungen ignorieren zu können.

giroNun gut! Uns betrafen die Ermahnungen nicht, wir wollten ohnehin vor dem großen Trubel in Cannobio sein. Vielleicht klappt es so, die Fahrer an den Hotels oder ihren Mannschaftsbussen zu treffen oder wenigstens gute Plätze bei der Einschreibkontrolle zu erhaschen. In Laveno erwischten wir gerade noch die Fähre kurz vor Neun. Die Autofähre pendelt zwischen Laveno und Verbania Intra und ist die einzige Möglichkeit, ohne lange Umrundung mit dem Auto ans andere Ufer des Sees zu kommen.

Die kurze Fahrt bot einiges für Auge. Die Luft war noch frisch und einigermaßen klar, so dass wir zum ersten Mal die hohen schneebedeckten Alpengipfel ordentlich zu Gesicht bekamen. Die Stadt Intra bot ein sehenswertes Panorama, das von der großen Kathedrale dominiert wurde. Je näher wir kamen, desto schöner sah es aus. Nach dem Verlassen des Schiffes fuhren wir ohne Umschweife auf der Uferstraße Richtung Norden. Wir befanden uns nun auf der feinen, reichen Seite des Sees. Das war unübersehbar. Einem schicken Anwesen folgte das nächste. Zum Halten und Schauen ist leider oft nur in den Orten Platz. Diese standen heute natürlich im Zeichen der Farbe Rosa. Das ist die Farbe des Papiers der veranstaltenden Tageszeitung „Gazetta della Sport“. In Cannobio war erwartungsgemäß viel Betrieb. Alle Parkplätze in Zentrumsnähe waren voll oder von Ordnungskräften abgesperrt. Der Durchgangsverkehr von und nach der Schweiz sorgte für zusätzliche Belastungen. Nach einer Suchrunde durch den Ort fuhren wir durchs Tal des Cannobinos westwärts und fanden zirka anderthalb Kilometer vom Stadtkern entfernt in einer Nische Platz fürs Auto. Hier halten ansonsten die Einheimischen, wenn sie sich aus dem nahe gelegenen Brunnen Trinkwasser holen.

stelzenläufer

Erwartungsvoll marschierten wir entlang der Straße zurück zur Stadt. In den engen Gassen war viel Betrieb. Neben der Kirche war eine große Bühne aufgebaut, wo auf einigen Hometrainern Leute aus dem Publikum oder auch Promis Wettkämpfe ausführten. Die Zuschauer hatten Gelegenheit, unterhalb der Bühne mitzumachen, dort waren ebenfalls unzählige Hometrainer aufgestellt. Bevor etwas passierte, wurde viel und laut geredet. Da wir nichts verstanden, warteten wir nicht ab, bis die Teilnehmer aktiv wurden. Es kann auch sein, dass alles bis ins Kleinste inszeniert war, denn uns erstaunte, dass so viele Leute in schicken Radfahrerklamotten dabei waren. Uns störte vor allem der Lärm der Ansager. Dieser übertönte erbarmungslos eine Marschkapelle, deren Blasmusik wir gerne in Ruhe gehört hätte. Wir liefen weiter hinunter zur Seepromenade, denn dort verlief die offizielle Rennstrecke. Dort war natürlich besonders viel geschmückt, wenngleich wir ein wenig verblüfft waren, dass die Holländer letztes Jahr beim Start des Giro in Groningen mehr und witzigere Ideen hatten als die Cannobianer. Dennoch war die Kulisse mit dem See, der Kirche, den dekorierten Häusern toll.

Das Einschreiben der Fahrer fand am einem Rondell statt, das bei unserem Kommen schon hermetisch abgeriegelt war. Da die meisten Teams die Nacht offenbar nicht in Cannobio verbrachten, sahen wir unsere Chancen schwinden, nahe an die Fahrer heran zu kommen. Gegen 13 Uhr rollten die Mannschaften nach und nach ein und trugen sich in die Starterliste ein. Das ging gemütlich vonstatten. So bekamen wir fast alle Fahrer länger als am Straßenrand während des Rennens zu sehen. Spannend war es, die italienischen Fans zu erleben. Welche Fahrer tragen ihre Sympathien, wen lieben sie? Die Antwort gab es erst am Ende der Einschreibprozedur. Keiner der Fahrer mit den besten Leistungen, oder gar der Spitzenreiter und wahrscheinliche Sieger des Giros 2003 Gilberto Simoni, nein Marco Pantani, Il Elefantino – wie er von den Tifosi genannt wir – ist ihr Held und Idol. Dabei ist Pantani in den letzten vier Jahren nur durch Skandale aufgefallen und hat sportlich kaum etwas gezeigt. Den Italienern ist das egal, sie schnappten förmlich über, als er mit seiner Mannschaft Mercatone Uno als letzter auf dem Platz ankam.

giroAls der Start erfolgt war, löste sich der ganze Trubel sehr schnell auf. Wir kauften uns jeder zwei Kugeln Eis und genossen sie, während wir über den See schauten.

Die Zeit war heran, uns bei der Vermieterin zu melden. Wir sollten 30 Minuten vor unserer Ankunft bei ihr anrufen, damit sie genug Zeit hat, „aus der Schweiz“ zur Schlüsselübergabe zum Ferienhaus in Trarego zu kommen. Der Anruf klappte prima und da Frau Pedroni deutsch sprach, gab es keinen Stress wie letztes Jahr in der Normandie. Wir vereinbarten, dass wir 16 Uhr am Ferienhaus sind. Eine Frau Disteffani würde auf uns warten und uns in alles einweisen. Vor unserer Abfahrt kauften wir in Cannobio noch alle Lebensmittel ein.

In Cannero Riviera verließen wir die immer noch stark befahrene Uferstraße. Die Bergstraße ging sofort sehr steil nach oben. Ohne dass der Anstieg geringer wurde, folgte nach etwa 100 Meter an einer Hausecke eine Spitzkehre, die nur dank eines Spiegels für den Autofahrer überschaubar war. Danach ging es noch etwa 500 Meter ebenso steil und schmal weiter. Das war nichts für schwache Nerven. Vor allem dann nicht, wenn Einheimische angerast kommen. Bevor wir die Höhe von Cheglio, einem Ortsteil von Trarego erreichten, mussten wir noch einige Serpentinen fahren. Ein Gefühl von Endlosigkeit befiel uns. Gudrun hatte die Wegbeschreibung auf dem Schoß und hielt eifrig Ausschau nach den beschriebenen Anhaltspunkten. Das war schwierig, denn wir waren immer noch nicht sicher, was richtige Ortseingangsschilder und was nur Gebietsanzeiger sind. Als wir an einem – aus meiner Sicht – nicht relevanten Schild „Trarego“ vorbei kamen und unsere nächste Instruktion „Linksabbiegen nach Cheglio“ lautete, musste ich runter von der Hauptstraße und links auf einen schmalen Weg einbiegen. Der Weg gefiel mir überhaupt nicht. Rechts der felsige Hang, links glücklicherweise Bäume, die vorm ganz tiefen Fall schützten. Ein Auto hätte nicht entgegenkommen dürfen. Wir wären nirgends aneinander vorbeigekommen. Nach einigen hundert Metern näherten wir uns Wohnhäusern und die Straße endete. Eine Straße oder Gasse namens Via Roma war nicht zu sehen. Während ich wendet, sah ich im Spiegel zwei Männer, die uns und das fremde Auto natürlich genau beobachtet hatten. Ich schickte Gudrun raus, um die beiden nach der Via Roma zu fragen, denn ich war sicher, dass wir falsch sind. Nachdem ich das Auto etwas aus dem Weg rangiert hatte, waren Gudrun und die beiden Männer verschwunden. Minutenlang tat sich nichts. Im Auto wurde es lästig, da die Sonne den Innenraum aufheizte. Dann musste ich wieder rangieren, weil ich genau die Ausfahrt mit meinem Auto versperrte, aus der ein Anwohner raus wollte. Das Manöver tat mir gut, weil die Klimaanlage dabei kühlte. Nach weiteren Minuten kam Gudrun, hochrot vor Erregung, ohne Männer, dafür mit einer pausenlos redenden Frau zurück. Das war Frau Disteffani.

cgeglio Frau Disteffani begann schon, mir den Weg zu erklären, doch Gudrun unterbrach sie kurzerhand und machte ihr verständlich, dass sie sich auf den Beifahrersitz setzen und mitfahren muss. Schnell hatte sich Gudrun auf die Rückbank gesetzt, Frau Disteffani hatte keine Chance zu widersprechen. Zuerst musste ich den schmalen Weg bis zur Hauptstraße zurückfahren. Dann war es noch etwa ein Kilometer, bis wir das richtige, amtliche Ortsschild von Trarego erreichten. Kurz nach dem Dorfladen kommt links eine Grünanlage mit einem Kinderspielplatz. Hier musste ich links abbiegen, um die Grünanlage herum und das Sträßchen bis zum Ende fahren. Kurz vorm Ferienhaus ist die Gasse nur etwa 2 Meter breit. Rechts ist eine Hauswand, links eine übermannshohe Gartenmauer. Ich bekam von Frau Disteffani Beifall, weil ich ohne Zögern hindurch gefahren bin. Viele Urlauber würden hier kneifen, meinte sie. Nach diesem Engpass splittete sich die Gasse. Rechts gingen einige Stufen hinab ins Gewirr der vielen Gassen. Links ging es noch einmal kurz bergan. Dann waren wir da. Wir hatten genau das Bild aus dem Reiseprospekt vor Augen. Schnell erhielten wir die Schlüssel, alles Wichtige wurde erklärt. Dann war Frau Disteffani wieder weg. Als die Sachen ausgepackt waren und das Auto in der Garage stand, konnte Gudrun endlich erzählen, wie sie Frau Disteffani gefunden hatte.

Die besagten beiden Männer kannten selbstverständlich keine Via Roma in Cheglio, das wäre genauso sensationell, als wenn ich wüsste, wo in unserem Wohngebiet der Bekassinenweg ist. Als Gudrun erklärte, das Ferienhaus stünde an der Kirche, war das für die Einheimischen auch keine Hilfe. Wir haben hier drei Kirchen, welche meint sie denn? Es schien hoffnungslos, denn das wusste sie nicht. Einer der Männer nahm Gudrun den Zettel aus der Hand, um zu lesen, ob er sie wirklich verstanden hat. Damit war Gudrun die Regie aus der Hand genommen und sie musste sich dem Kommenden fügen. Der hilfsbereite Italiener fragte die noch Umstehenden und erhielt auch nur Kopfschütteln als Antwort. Danach stiefelte er mit Gudrun als Dackel hinter sich in den Dschungel von verwinkelten Gassen und unüberschaubaren Durchgängen. Alsbald klopfte er an die Fenster eines Hauses. Eine alte Frau öffnete und kannte zum Glück nicht nur die Via Roma, sondern sie wusste sogar, wer sich um das Ferienhaus kümmerte. Nun übernahm die alte Frau das Kommando und führte Gudrun zur nächsten Frau, die am falschen, am entgegengesetzten Ende der Via Roma wohnte. Hier wurde der Staffelstab – in Form unseres Zettels – ein weiteres Mal weiter gereicht. Die Frau aus der Via Roma war die Mutter der gesuchten Frau Disteffani und begleitete Gudrun nun ihrerseits auf dem Weg zum Ferienhaus. Dort wartete ihre Tochter bereits auf uns. Die kurze Strecke zog sich in die Länge, weil die Mutter oft Pause machen musste. Sie hatte vor kurzem einen Bypass bekommen und durfte nicht so schnell gehen. In Wirklichkeit wird aber beim vielen Reden die Puste nicht gereicht haben. Wenn Gudrun schon kein italienisch sprach, musste sie halt ein bisschen mehr reden. Am Ferienhaus wartete die richtige Frau Silvana Disteffani bereits ungeduldig auf unser Erscheinen. Zu ihrem Unglück musste sie nun Gudrun zu mir zurück begleiten, denn bei der ganzen Aufregung hatte sich Gudrun nicht merken können, wo sie entlanggeführt worden war.

Nun gut, wir waren froh, da zu sein und es uns gemütlich machen zu können. Das Haus entsprach genau unseren Vorstellungen. Es war alles vorhanden und wie im Prospekt versprochen. Zwei Schlafzimmer, ein Esszimmer, ein Wohnzimmer mit Fernseher und eine kleine Küche. Der Blick aus den Fenstern geht über die Dächer der darunter liegenden Häuser zum See. In die schräge Wiese ist eine kleine Terrasse eingearbeitet, wo der Gartentisch mit vier Stühlen steht. Auch von diesen Plätzen kann man den See sehen. Oberhalb steht eine der drei örtlichen Kirchen. Zur Begrüßung hatte uns Frau Pedroni eine Flasche Perlwein neben ihre Visitenkarte hingestellt. Sie führt mit ihrem Mann in Brissago das „Hotel Primavera“. Damit erklärte es sich, dass es hier im Haus keinen Mangel an Geschirr und Haushaltsgegenständen gibt.

Hier in der Höhe von etwa 800 Metern war die Lufttemperatur sehr angenehm. Wir kochten uns eine Kanne Kaffee und setzten uns eine Weile in der Garten. Irgendwann packte uns die Neugierde und wir zogen los, Cheglio und Trarego zu erkunden.

Wir fanden den schon erwähnten kleinen Laden, eine Bar und das Hotel „La Perla“. Ehemals ehrwürdige Häuser stehen jetzt leer und vergammeln langsam. Neben der großen Kirche von Trarego befindet sich das Bürgermeisteramt, die Post und eine Telefonzelle. Alle Kirchenuhren schlagen halbstündlich auf eine ganz besondere Weise. Die große Glocke schlägt jedesmal so oft wie die aktuelle Stunde, bei der halben Stunde folgt dann nach einer ganz kurzen Pause noch ein leiserer Schlag einer kleineren Glocke. Halb Zwölf schlägt die große Glocke also elfmal, zwei Sekunden Pause, dann noch ein leiserer Schlag. Wie in Cerro und Laveno klingen die Glocken auch hier jämmerlich: dünn und ohne Melodie. Wenn man glaubt, jetzt legen sie los, gibt es wieder eine Pause. In der folgenden Nacht mussten wir uns an dieses Gebimmel erst gewöhnen, weil im Unterschied zu den Kirchenuhren in Deutschland hier die ganze Nacht hindurch geläutet wird. Zur großen Ruhestörung wurde diese Sache allerdings nicht. Nach zwei Nächten nahmen wir es nicht mehr wahr.

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