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Stress in Cannero Dienstag, 3. Juni 2003 |
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Bregenz, ein bisschen Bodensee und keine Berge in Sicht Stippvisite in Bellinzona und der Intercooler Das Kloster Eremo di St. Caterina del Sasso Stress in Cannero Garzoli & Battaglia in Verbania-Intra Warum die Berge in der Schweiz grüner sind zurück |
Wenn wir uns im Bett aufrichten, könnten wir die Hänge des Bergmassivs auf der anderen Seeseite sehen. Doch auch heute morgen gab es den inzwischen gewohnten Anblick einer graugrünen Fläche ohne jegliche Struktur. Nur der nahe gelegenen Monte Morrisolo ist zu sehen. Malerisch ist sein Gipfel von einer weißen Wolke überzogen. Als wir mit frischen Brötchen aus dem Laden kamen und uns an den Gartentisch zum Frühstücken setzten, schwebten dunkelgraue Wolken knapp über unseren Köpfen. Freundlicherweise sanken sie für die Dauer des Frühstücks nicht noch tiefer.
Wir hatten für diese schwüle Witterung keinen richtigen Plan und blieben bis zum Mittag in Trarego. Als sich immer noch nichts am Himmel verändert hatte, entschieden wir uns für eine kleine Spritztour nach Cannero Riviera und zur Schlucht St. Anna im Valle Cannobino. Unten in Cannero Riviera piepte der Audi plötzlich. Das aufleuchtende Symbol in der Instrumententafel verkündete, dass der Bremsbelag endgültig runter ist. Dazu gibt es eine Vorgeschichte, die nun zu einem Ärgernis für uns wurde. Vor acht Wochen wollte die heimische Werkstatt im Rahmen der turnusmäßigen Inspektion die Bremsbeläge erneuern, doch Sixt, dem Leasinggeber, war das angesichts der geringen Restlaufzeit meines Vertrages zu teuer und ließ nichts machen. Da uns die hohen Alpenpässe noch bevorstanden, mussten wir wohl oder übel nach Verbania in die Werkstatt zu fahren. Doch vorerst behielt ich das für mich. Vielleicht half das Abkühlen der Bremsen. Ein vager Strohhalm, der meine Stimmung nicht wirklich heben konnte.
Das Piepen im Auto ertönte – wie erwartet – auch nach der Abkühlung der Bremsen. Vorsichtig, immer über Gebühr Abstand haltend, um möglichst viel mit dem Motor bremsen zu können, fuhren wir nun zum dritten Mal ins Valle Cannobino. Nicht weit hinter dem inzwischen bekannten Brunnen, zweigt eine enge Straße nach rechts ab und führt nach wenigen hundert Metern zur Schlucht St. Anna. Links vor der Brücke ist ein kleiner schattiger Parkplatz, auf dem für uns gerade ein Platz frei wurde. Ein Glück für unsere Bremsen, denn die stanken jetzt erheblich. Auf der anderen Seite der Brücke bewacht eine Kirche den Eingang zur Schlucht. Sie ist äußerlich allerdings keine Zierde. Ihre Tür war verschlossen, so dass wir nichts weiter in Erfahrung bingen konnten. Hinter der Kirche befand sich ein ziemlich großes Restaurant, das mir nicht gefiel, weil es in eine zu finstere Ecke gebaut worden war. Einzig die Terrassenplätze, von denen man in die enge Schlucht hineinsehen konnte, hatten eine gewisse Attraktivität. Parallel zur Straßenbrücke führte eine kleine Fußgängerbrücke über die Schlucht. Sie sah wie eine alte römische Steinbrücke aus und war zur Zeit für die Benutzung gesperrt. In die Schlucht selbst gingen wir nicht. Ein Weg war nirgends zu sehen. Das störte uns nicht besonders, denn viel anders als in der Via Mala würde es nicht sein. Außerdem führte der Fluss so wenig Wasser, dass das Gewaltige einer engen Felsschlucht fehlte. Flussabwärts auf der anderen Seite der Straßenbrücke weitete sich das Tal und bildete eine große Badegumpe, die von etlichen Touristen und Einheimischen genutzt wurde. Vor allem Familien mit Kindern nutzten diese Badestelle. Sie ist gerade auch in der Zeit des geringen Wasserzuflusses für kleine Kinder gut geeignet. Wir fanden es ganz schön absurd, dass die Leute hierher fahren, um zu baden. Keine vier Kilometer weiter ist ein herrlicher großer See mit Platz für alle. Die Behörden haben geschlafen oder nur ans schnelle Geld gedacht, als sie viele Ufergrundstücke an Privatleute verkaufen ließen und nun zusehen müssen, dass die Leute zum Baden ins Gebirge fahren. Wir stiegen auch zum Fluss hinunter und stellten uns mit den Füßen ins warme Wasser. Bald zogen uns jedoch die vielen glitzernden und wohlgeformten Steine in ihren Bann. Die Sammelleidenschaft brach aus. Als jeder beide Hände voller blinkender Steine hatten, mussten wir unseren Aufenthalt im Flusstal abbrechen. Zurück in Cannobio kauften wir in aller Ruhe im Supermarkt ein. Vor der Reise hatten wir die Absicht, unsere italienischen Kochbücher mitzunehmen, um im Ferienhaus Gerichte mit Originalzutaten auszuprobieren. Die Idee war gut, nur das Einpacken des Buches klappte nicht. Ärgerlich darüber waren wir nach unseren Schnüffeleien im Supermarkt nicht mehr. Das Angebot war gut, aber prinzipiell vergleichbar mit unseren Spar- oder Minimalmärkten. Die Spezialitäten, die in den italienischen Rezepten auftauchen, gibt es in Italien wahrscheinlich auch nur in den Delikatessenläden der Großstädte. So mussten wir am Abend wieder einmal am Herd kreativ werden und verwerteten unsere Reste zu einer Delikatesse. Wir tränkten altbackenen Brötchen mit Olivenöl und buken sie mit Knoblauch und grünem Genueser Pesto. Ganz lecker wurde das. Mit Tomaten, Zucchini und Fenchel wurde ein schmackhaftes Pastagericht als Hauptgang serviert. Dazu trank ich italienisches Bier (Birra Moretti), das ziemlich süß und dünn schmeckte. Zur Verdauung spazierten wir im Anschluss durch Trarego. Von der Kirche aus wuselten wir uns durch die vielen pittoresken Gässchen. Als wir wieder oben auf der „Straße“ waren, deren Verlängerung durch den Wald hinauf zur Kreuzung Piazza geht, versuchte ich in Gedanken unseren Weg durch die Gassen nachzuvollziehen. Es gelang mir nicht. Einen korrekten vollständigen Ortsplan zu erstellen, ist bestimmt nur aus der Luft möglich. Wir beendeten unseren Spaziergang am Waldrand. Dort ist die Seeseite der Straße nicht verbaut, so dass wir herrlich auf den See, die Berge gegenüber und auch auf Ascona und Locarno blicken konnten. Das Klima war am Abend sehr angenehm geworden. Wir blieben bis halb Zehn im Garten sitzen. Ringsherum war alles friedlich und still. Nur die Vögel und das ominöse Knacken der Palme waren zu hören. Das halbstündliche Läuten der Kirchenuhr erschreckte uns nicht mehr. Das Unterbewusstsein filterte die Klänge nach drei Tagen Gewöhnung weg. |
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