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Im Valle Cannobino

Donnerstag, 5. Juni 2003

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Die Reise beginnt

Bregenz, ein bisschen Bodensee und keine Berge in Sicht

Stippvisite in Bellinzona und der Intercooler

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Der rosa Tag

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Der langsam zur Regel werdende Vormittagsregen wartete, bis wir im Garten mit dem Frühstück fertig waren. Als wir alles erledigt hatten, was noch im Hause zu machen ging, fuhren wir nach Cannobio. Irgendetwas mussten wir schließlich unternehmen; auf der „Bude“ herumhängen, war noch nie unsere Sache.

cristina-joosHeute war es ruhig in Cannobio. Wir mussten nicht wieder ganz aus dem Ort hinaus fahren, gleich hinterm Stadtzentrum fanden wir einen Parkplatz. Wir liefen durch winklige Gassen zwischen Gartenmauern hindurch und landeten wieder in jener Gasse, die wir schon kennen lernten, als wir vom Brunnenparkplatz kamen. Dort wo sich die Gasse teilt und es links zur Kirche St. Vittore und rechts weiter hinunter bis zum See geht, steht der Torre del Comune, der Stadtturm, der alle anderen Türme der Stadt überragt. Im Erdgeschosses fand seit Montag eine Gemäldeausstellung der Schweizer Malerin Cristina Joos statt. Zu unserer Freude bekamen wir sehr schöne Bilder zu sehen, die durch das stimmungsvolle Ambiente des Gewölbes, der lokalen Beleuchtung und der passenden Hintergrundmusik zu einem herrlichen Gesamteindruck verschmolzen. Die Motive stellten abstrakte Formen in sehr gut aufeinander abgestimmten, meist kühlen Farbtöne dar. Manche erinnerten mich an die Visualisierungen mathematischer Formeln, die wir mit den ersten Plotter- und später Grafikprogrammen als Spielerei zu Papier brachten. Der ästhetische Wert der Bilder von Frau Joos, die selbst die Ausstellung betreute und mit der Gudrun ein bisschen plauderte, war natürlich ungleich höher als unsere ziellosen Experimente. Mit wenigen geschwungenen Flächen, Kreisen und anderen geometrischen Formen gelingen ihr wunderbare Gemälde, die bei uns sehr viele Assoziationen hervorriefen und sehr nachhaltig waren. Mein Gefühl ist nicht falsch gewesen, bei den Bildern in dieser Ausstellung eine imaginäre Verbindung zur Mathematik zu sehen oder wenigstens unbewusst wahrzunehmen. Das stellte sich jetzt bei meinen weiteren Recherchen heraus.

Cristina Joos verweist auf ihrer Visitenkarte auf die Homepage des „Interdisziplinären Zentrums für komplexe Systeme“ Bonn (IZKS). Dieser Link erwies sich als höchst interessant: Durch den Besuch einer Gemäldeausstellung fanden wir Zugang zu einem gänzlich anderen Themenkreis. Durch Reisen Querverbindungen entdecken, ist für uns ein sehr schöner Nebeneffekt und wertet jeden Urlaub auf.

Das IZKS will die Komplexität der Prozesse in unserem Leben genauer, als es bisher getan wird, erforschen und zum praktischen Nutzen bringen. “Auf der Basis von Theorien, Modellen und Simulationen werden deren Raum-Zeit-Strukturen erschlossen und für praktische Fragen nutzbar gemacht.“ Es ist keine überraschende Tatsache, dass dabei Mathematik, Physik und Informatik eine tragende, aber nicht die alleinige Rolle spielen. Ihre Ziele können nur durch enge Zusammenarbeit unterschiedlichster Wissenschaftsbereiche und durch Mitwirkung von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Kulturkreisen verwirklicht werden. Für uns Mathematiker ist das ein Ansatz, der neugierig macht. Die Liste der geplanten Projekte ist spannend und dokumentiert die Vielschichtigkeit ihres Anliegens:

Unendlich dimensionale und stochastische Analysis bei komplexen Systemen,
Netze: Neuronale Netze, Computernetze, Stochastische Algorithmen, Verkehrsnetze,
Wachstumsprozesse in der Urbanistik,
Zeitreihen in Geologie, Medizin, Ökologie, Wirtschaft,
Prognose des Straßenverkehrs auf der Basis gemessener und simulierter Daten,
Umwelt Verstehen: Einfache Klimamodelle zum Selbstlernen,
Antizipation: Mathematische Modellierung eines universellen Prinzips.

Für jeden, der sich an mathematischen Fragestellungen erwärmen kann, sei die Internet-Seite des IZKS sehr empfohlen: www.izks.uni-bonn.de. Die Idee der Interdisziplinarität und Internationalität sollte jedem zu denken geben, die Vorgänge, die unmittelbar um einen selbst herum oder auch in der Ferne passieren, das Leben insgesamt, nicht mehr so eindimensional zu sehen, zu bewerten und hinzunehmen.

Natürlich verblüfft es, gerade auf der Homepage einer Institution wie dem IZKS mehr über eine Malerin zu erfahren. Das Interesse des IZKS an Kunst wird durch die Aspekte Visualisierung der Wissenschaft durch die Kunst sowie Kunst als komplexer Gestaltungsprozess definiert. Wie und warum die Zusammenarbeit mit der Malerin Cristina Joos zustande kam, wurde nicht gesagt. Cristina Joos selbst schrieb über ihren Werdegang zur Malerin:

Ende 1998 habe ich die Schweiz verlassen und lebe nun in einem alten Natursteinhaus in einem winzigen italienischen Dorf im wilden und romantischen Valle Cannobina.

Als Teenager gab ich meinen Traum von einer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule und von einem Leben als Malerin in Paris auf.

Darauf folgend war ich auf der ständigen Suche nach einem Beruf, mit dem ich mich identifizieren konnte. Nach einem Studium der Psychologie und vielen Jahren ungeliebter Schreibtischarbeit begann ich Helikopter zu fliegen, Motorrad zu fahren und in einer Steelband zu musizieren. Eine Zeit der Arbeitslosigkeit verschaffte mir den nötigen Raum und die Stille, meine innere und äußere Situation zu betrachten und meinen ursprünglichen Traum wieder aufzugreifen. Ich stellte fest, dass er sich etwas gewandelt hatte und die Möglichkeit, im Vallecannobina mit wenigen Mitteln leben zu können, entsprach meiner Lust nach Abenteuern.“

So ein Lebensweg wäre auch bei unserer Tochter denkbar. Gewisse Analogien sind durchaus vorhanden.

Nach diesem Exkurs zurück zum Touristischen. Von der Bilderausstellung im Torre del Comune waren es nur wenige Schritte in die Kirche St. Vittore. Wie in der gleichnamigen Kirche in Intra erdrückte uns die Dunkelheit im Innern. War der heilige Vittore vielleicht ein finsterer Typ? Fünfzehn kleine runde Fenster hoch oben in den Wänden ließen nur wenig Licht hinein. In die Nischen des Kirchenschiffes waren zudem Altäre aus dunklem Marmor gebaut, der das Dunkle noch beförderte und die Altarbilder auch fürs Auge nur auf dem Blitzlichtfoto richtig sichtbar machte.

Aber es war nicht nur die Düsternis, die uns an dieser Kirche missfiel. Die Kirche war geschmacklos und zu üppig geschmückt. Wir hatten das Gefühl, zwischen Theaterkulissen zu stehen. Die Kapitelle der Säulen waren vergoldet, darunter hingen weinrote Brokatstoffbahnen. Das Deckengewölbe unter der Kuppel schien ganz nett bemalt zu sein, aber genau sehen konnte man das nicht. Statt eines Altars war ins Halbrund der westlichen Stirnseite etwas Monströses gesetzt, das uns an einen römischen Säulentempel erinnerte, nur fehlte dem hiesigen Gebilde die Eleganz und klassische Schönheit. Auch hier dominierte Kitsch als Beiwerk. Immerhin entdeckten wir etwas für uns Neues: Ledergepolsterte Klappbretter zwischen den Bankreihen, damit einerseits die Knie nicht schmerzen, wenn man zu lange betet und andererseits genügend Platz beim Verlassen der Bankreihen ist. Einfach und genial!

Nun endlich ging es los zum eigentlichen Tagesziel, dem Bergdorf Socraggio oberhalb des Valle Cannobino. Die Fahrt durch das enge Tal machte Spaß. Die Straße war nicht so eng, dass man um sein Leben fürchten musste, wenn plötzlich Gegenverkehr kommt. Auch die Kurven gestatteten Fahrspaß. Mit neuen Bremsen sahen wir die Welt ohnehin viel gelassener als gestern noch. Nach der guten halben Strecke geht rechts eine Bergstraße zum Dorf Cavaglio ab. Die nüchterne Brücke über die Schlucht ist noch nicht sehr alt. Ein bisschen unterhalb kann man die frühere Hängebrücke bewundern, die an zwei Betonpylonen befestigt ist und deren Drahtseile inzwischen ihren vormals dunkelgrauen Metallglanz in malerisches Rostbraun verwandelt haben. Sie ist schmal und nur für Maultierkarren oder Vespas geeignet gewesen. Die beiden Brücken sind wohl eine Sehenswürdigkeit der Schlucht, denn zwei kleine Gasthöfe unweit an der Straße luden zur Rast ein.

Kurz nachdem wir später die Talstraße in Richtung Socraggio verlassen hatten, war links am Hang ein großer Parkplatz. Vermutlich musste man von hier aus nur noch um die Ecke gehen, um ins Dorf zu kommen. Wir stellten also das Auto ab und gingen zu Fuß los. Steil war nicht nur die erste Kurve, auch alle weiteren. Und es kamen noch einige, ehe wir das Dorf viele Meter höher erreichten. Vollständig durchgeschwitzt kamen wir oben an und fühlten uns überhaupt nicht gut beieinander. Wir ärgerten uns, nicht weitergefahren zu sein, denn auch am Ortseingang gab es genug Platz für Autos. Die Straße endet hier am Dorfplatz. Eine alte Frau war dabei, die großen Müllcontainer innen zu reinigen. Gegenüber der Parkbuchten befindet sich das Waschhaus, zur Straße hin offen, mit einem Brunnen und zwei Betonwaschbecken unterm Dach.

Socraggio Eine enge Gasse führt durch den Ort zwischen den Häuserzeilen hindurch. Rechts stehen die meisten Wohnhäuser – sie haben freien Blick ins Tal -, links nimmt ein Plateau mit der Kirche und ihrem Vorplatz den meisten Raum ein. Kurz hinter der Kirche führt eine pittoreske Treppe hinauf zu weiteren Häusern. Dahinter beginnt der Wanderweg in Richtung Süden, auf dem wir auch nach Trarego kommen würden. Bevor wir diese Treppe bergan stiegen, spazierten wir noch ein paar hundert Meter den Weg am Hang entlang. Vor einer offenen Tür machte ein kleiner Hund Mittagsruhe, eine alte Frau trug etwas ins Haus. Das Äußere des Orts war fantastisch, sehr malerisch, für Romantiker geradezu geschaffen. Es war nicht nur vorn an der Straße sauber, sondern auch in jeder anderen Ecke. Wir sahen kaum Menschen, viele Fenster und Türen waren vernagelt. So betrachtet schien Socraggio entvölkert zu sein. Doch immerhin hatten wir die alte Frau gesehen, die so akribisch für Ordnung sorgt.

Nach zwei Ecken hatten wir das Dorf wieder verlassen und kamen zum Friedhof, dessen Gräber die Namen der beiden vorherrschenden Familien Zanni und Ferrari preisgaben. Einige Gräber hatten sehr irdische Vorbilder. Für Rosa und Guiseppe Zanni sind die Ehebetten als Grabstelle verwendet worden, während einer der Ferraris in einem steinernen Sarg mitten auf dem Friedhofsweg seine letzte Ruhestätte fand. Sicher könnten die letzten Einheimischen viel über die Familiengeschichten erzählen. Der Weg am Friedhof war auch Wanderweg, hier eher lieblich als schroff. Das veranlasste uns, noch ein Stück weiter zu gehen. Als es steil abfiel, kniffen wir, drehten um und bewunderten Socraggio aus der anderen Richtung. Jetzt stiegen wir auch die optisch sehr schöne Treppe hoch. Doch bald zeigte sich beim Steigen, dass nicht jeder so ergonomische Steintreppen bauen kann wie die Madeirenser. Das letzte Haus oben neben der Treppe war als Ferienhaus vermietet. Bei unserer kleinen Verschnaufpause beobachteten wir die Familie, die mit mehreren Kindern gerade dort wohnte. Es war eine sehr naturverbundene Art von Urlaub mit viel Ruhe und Einsamkeit.

Auf den Rückfahrt konnten wir uns nicht entschließen, an einem der beiden Gasthöfe in der Nähe der Brücken einzukehren. So landeten wir schließlich wieder in Cannobio und setzten uns an der Uferstraße in ein Restaurant und aßen Pizza. Von unserem Platz unter der großen Markise hatten wir einen schönen Blick auf den See und konnten auch das Treiben auf der Straße beobachten. Zweifel an der Solidität der anliegenden Hotels und Restaurants kamen auf, als in kurzen Abständen Fahrzeuge von „Eismann“ und ähnlichen italienischen Firmen vorfuhren und die Restaurants belieferten. Frisch bedeutet hier vermutlich frisch aufgetaut. Nach dieser Beobachtung betrachteten wir das Kuchenbüffet mit ganz anderen Augen. Heute passierte es auch zum ersten Mal, dass wir in einem Restaurant eine zweifelhafte Rechnung bekamen. Der Kellner bekam es durch das ausbleibende Trinkgeld zu spüren.

In Trarego war sehr schönes Klima, als wir zurück kamen. Wir sonnten uns im Garten bis die Sonne hinterm Berg verschwunden war. Beim Abendessen zog sich der Himmel über uns zu. Unser Hausberg Cima di Morissolo war – wenngleich etwas verschleiert – noch zu sehen. Doch in der anderen Richtung war hinter den unter uns liegenden Hausdächern die Welt zu Ende. Eine dicke graue Masse hatte sie in sich aufgesogen. Wir überschlugen unsere Chancen, morgen gute Sicht zu haben, so dass eine Wanderung auf den Cima di Morissolo Sinn gemacht hätte. Auf seinem Gipfel sollte man gewesen sein, denn er ist die einzige Stelle rund um den See, von der der gesamte Lago Maggiore mit all seinen Buchten zu sehen ist. Den Cima di Morissolo erreicht man unter anderem vom Wanderknotenpunkt Il Colle auf einem waldreichen Weg. Eine lockere Tour, wenn nicht die für Gudrun etwas zu aufregende langen und „gefährliche“ Anfahrt gewesen wäre. Als sich am späten Abend Gewitter über dem See und den Bergen entluden, hofften wir aufs Neue, morgen klare Sicht zu haben.

Zum ersten Mal beobachteten wir ein Gewitter aus solcher Höhe und konnten sehen, wie sich Blitze ausschließlich zwischen den oberen Wolkenschichten entluden. Blitze, die man vielleicht von unten gar nicht hätte sehen können. Auch das Wetterleuchten war von hier oben ein besonderes Erlebnis. Wir waren sehr beeindruckt!

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