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Der Alpenrosenberg

Freitag, 6. Juni 2003

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Am Morgen war das Wetter schön. Es war regelrecht frisch, so dass ich den Pulli beim Frühstück im Garten überzog. Der Cima di Morissolo trug wieder seine weiße Haube. Darum sahen wir von seiner „Besteigung“ ab und wollten stattdessen auf den landeinwärts gelegenen Monte Spalavera wandern.

Der schnellste Aufstieg auf diesen Berg beginnt in einer Straßenkurve kurz vor dem Knotenpunkt Il Colle. Von der Straße aus steigt man auf einem Fahrweg ein kurzes Stück steil bergan und kommt zu einer großen Lichtung, auf der sich mehrere Wanderwege kreuzen. Unser Weg trug die Nummer 7 und führte mitten über eine Wiese zum Fuße des Monte Spalavera. Dort begann der eigentliche Aufstieg. Der folgende Pfad erwies sich sehr schnell als Gradientenweg und forderte uns alle Kraft und Kondition ab. Wir stiegen durch schönen schattigen Buchenwald, der Waldboden war vom vorjährigen Buchenlaub bedeckt und deshalb mitunter sehr rutschig. Kurz vorm Gipfel lichtet sich der Wald und der Weg windet sich durch ein Meer von Azaleen. Die Blüte stand kurz vor ihrer vollen Pracht. Immer wieder blieben wir stehen und sahen uns dieses einzigartige Blütenmeer an. Das Summen der unzähligen Insekten, die sich den Nektar holen, vervollständigten die Stimmung.

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Nach einer knappen Dreiviertelstunde waren wir oben. Der Monte Spalavera ist 1534 Meter hoch und hat ein ordentliches Gipfelkreuz. Für Gudrun war auch eine Übersichtstafel aufgestellt, damit sie alle Gipfel des nördlichen Panoramas benennen und erkennen kann. Ausgerechnet als wir uns zur Rast niederlassen und das Alleinsein auskosten wollten, kamen drei ältere Ehepaare auf den Gipfel. Sie waren von Il Colle über den alten Militärweg gelaufen, der in voller Sonne am kahlen Südhang hinauf geht.

Im Krieg war die norditalienische Region hart umkämpft. Nicht nur der Monte Spalavera ist von den alten Schützengräben durchzogen, andere Gipfel sind noch viel stärker vom Militär deformiert oder ausgehöhlt worden. Aber nach 80 Jahren beginnt die Natur, sich ihr Territorium zurückzuholen und überwuchert langsam die Gräben.

Die anderen Wanderer fragten uns nach den Alpenrosenfeldern, die in ihrem Reiseführer gepriesen worden waren. Auf ihrem Anmarsch hätten sie keine einzige Azalee gesehen, erzählten sie uns. Wir gaben ihnen mit unserer Auskunft neue Vorfreude. Dadurch erfuhren wir, dass die Alpenrosenhänge des Monte Spalavera eine Attraktion sind und dass man die Azaleen beileibe nicht auf jedem Berg in solcher Vielzahl antrifft.

Wir hatten richtig entschieden, nicht zum Cima di Morissolo zu laufen, denn der Rundblick hier war auch nicht schlecht. Den See allerdings konnten wir unter dem Dunst nicht sehen, obwohl wir nicht viel weiter vom See entfernt waren als auf dem Cima di Morissolo. In Richtung der hohen Berge war die Sicht so, dass wir Vieles und Markantes erkennen konnten. Zum Beispiel eine andere ehemalige Militärstraße, die von Il Colle bis weit an den Monte Zeda, dem mit 2156 Meter Höhe größten Berg der Region, heranführt. Die Kammlinie im Norden war gerade noch zu erkennen und es gelang uns, vielen Bergen und Orten auf den zugewandten Hängen den richtigen Namen zuzuordnen.

Als die anderen Wanderer weitergezogen waren, gehörte der Berg wirklich uns alleine. Wir verweilten lange an dieser schönen Stelle. Genießen war angesagt.

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Gegen halb Zwei waren wir wieder zurück im Ferienhaus. Am späten Nachmittag unterbrachen wir das Faulenzen im Garten und spazierten ein weiteres Mal durch Cheglio und Trarego. Wir gingen diesmal an „unserer“ Kirche oberhalb des Hauses vorbei und fanden sie offen vor. Sie war innen sehr schön, schlicht mit wenig Schmuck, der deshalb jedem Interessierten ins Auge fallen musste. Weniger ist oft mehr, heißt es treffend. Während unseres kurzen Verweilens schien das grelle Sonnenlicht im richtigen Winkel durch die blauen Fenster und verwandelte den ganzen Altarraum in ein expressionistisches Farbbild.

Auch die Kirche in Trarego, die Pfarrkirche San Martino Vescovo, war offen. Ihr reichhaltiger Schmuck passte einigermaßen zusammen und wirkte nicht peinlich wie der in Cannobios Kirche. Im Kirchenschiff dominierte farbiger Marmor. Rechts und links neben dem Altar standen goldene Büsten von Päpsten oder anderen Verehrungswürdigen. Diese Büsten machten einen sehr wertvollen Eindruck. Auch der Schwarzen Madonna wird gehuldigt, eine mannsgroße Statue schmückt eine Nische in der Längswand. Ein paar Minuten vor Sechs verließen wir die Kirche, kurz bevor der Küster uns rauskomplimeniert hätte. Punkt 18 Uhr wurde die Kirchentür verschlossen. Wir musste Abbitte wegen unserer Meckerei über die verschlossenen Kirchen in Italien tun. Es war immer die falsche Zeit, als wir bisher in Italien in die Kirchen wollten: Entweder Mittags- oder Nachtruhe. Solche Schließungen sind andernorts auch üblich. Äußerlich gefällt der Turm der Kirche. Er wurde vor ein paar Jahren renoviert und am St. Martinstag 2000 zum zweiten Mal geweiht.

katze in cheglio

Von der Kirche und dem Gemeindeamt, die dicht beieinander stehen, liefen wir durch die Gassen zum Ortsausgang in Richtung Piazza. Seit einer Woche war wieder einmal halbwegs gute Sicht. Endlich waren der Lago Maggiore, die gegenüberliegenden Berge, das Dorf Oggiogno unter uns am Hang und auch Luino am anderen Ufer gut zu sehen. Nach gebührender Würdigung des Ausblickes marschierten wir noch ein Stück in den Wald und kamen an einen Abzweig mit dem Schild „Martiri dell Resistante“. Richtig deuten konnten wir das Hinweisschild nicht, eine Informationstafel gab es erst recht nicht. Wir vermuteten, das man zu einem Ehrenfriedhof oder zu einem Mahnmal kommt. Doch außer einer malerischen Flussbrücke gab es nichts Bemerkenswertes. Als der Pfad steil nach unten führte, passten wir und liefen zurück zum Dorf. Wieder ging es durch die Gassen, deren Wiedererkennung nach zwei Passagen immer noch nicht funktionierte, so dass wir uns zwangsläufig verliefen. Nach einer großen Schleife, auf der wir auch an schicken, meist käuflichen Anwesen vorbeikamen, erreichten wir wieder unser Ferienhaus im Ortsteil Cheglio.

Am Abend saßen wir lange im Garten und ließen unseren Gedanken freien Lauf, begleitet vom ominösen Knacken in der Palme, dem Läuten der Kirchturmuhr und dem Gekreisch der Schwalben. Heute war ein sehr schöner Tag, wozu die verträgliche Witterung den Grundstein legte.

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