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Vom Sinn der Ferien – ein Denkanstoß für Europäer

Sonnabend, 1. Juni 2003

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Die Reise beginnt

Bregenz, ein bisschen Bodensee und keine Berge in Sicht

Stippvisite in Bellinzona und der Intercooler

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Der rosa Tag

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„Alle Arbeit des Menschen ist für seinen Mund, aber doch wird die Seele nicht davon satt.“ Prediger Salomo VI, Vers 7

Schon die Bibel sagt, dass die Arbeit nur eine Seite unseres Lebens ausmachen kann. Ferien sind ein anderer, aber auch lebensnotwendiger Teil einer gesunden Lebensgestaltung. So heißt es in dem Ferien-Arbeitsbuch „Begegnungen“ 1von 1967, das wir in unserem Zimmer im Andragogium in Ronco vorfanden und voller Interesse lasen. Wir waren im Internet eher aus strategischen und ökonomischen als aus ideellen Gründen auf die Pensione Andra, wie das Europäische Bildungs - und Begegnungszentrum Andragogium untertitelt ist, gestoßen. Schon die Buchungsbestätigung hatte uns irritiert, wo geraten wir denn da hin? Aber Neugier ist eine ziemlich starke Motivation für unsere Reisen. Und in der Schweiz kann man seine Neugier ausleben, denn das Sprachproblem behindert uns glücklicherweise hier weniger als anderswo.

pension_andra

Bevor wir aber Bekanntschaft mit dieser Art Ferien-Volkshochschule in der Schweiz machten, mussten wir unsere Zelte in Trarego abbrechen. Frau Disteffani wollte gegen 9 Uhr kommen und das Geld für Gas und Elektrischen Strom kassieren. Reichlich Zeit für mich, noch beim Kaufmann im Dorf frische Brötchen zum Frühstück zu kaufen und ein bisschen vom „wirklichen Leben“ mitzukriegen. Vor mir wurden zwei alte Damen bedient, was mit diversen Gesprächen über Gott und die Welt vonstatten ging. Der Ladenbesitzer belegte sich nebenbei ein Brötchen mit Mortadella , die er rasch noch abschnitt, bevor seine Kundin den größten Teil davon kaufte, und verzehrte es genüsslich. Barzahlung ist in diesem Dorfladen die Ausnahme. Die Frau hatte ein ziemlich abgegriffenes Heft, der Kaufmann zog das Gegenstück dazu aus der Schublade und in beide wurde fein säuberlich der ausstehende Betrag eingeschrieben. Die andere Dame bekam zwei große Tüten mit diversen Backwaren über den Ladentisch geschoben, sie hatte gut daran getan, die Semmeln zu bestellen, denn viel Auswahl gab es kurz nach Acht schon nicht mehr.

Ein letztes gemütliches Frühstück auf der hübschen Terrasse unseres Ferienhauses und unser Aufenthalt in Italien ging dem Ende entgegen. Überpünktlich erschien Frau Disteffani. Die Endabrechnung wurde so flott durchgezogen, dass Stefan keine Chance hatte, sich zu verabschieden. Während ich noch nach den passenden italienischen Worten suchte, um Frau Disteffanis Fragen zu beantworten, tat sie dies lieber gleich selbst. Es ist wunderbar hier, vero? und das Haus ist bequem, vero? Und grüßen Sie ihren Mann! (Sie konnte den Moment nicht warten, bis er aus dem Bad wieder auftauchte!)

Voller Vorfreude auf die Pfingstfeiertage in der Schweiz rollten wir den Berg hinunter, tankten ein bisschen Mineralwasser und Proviant für den Tag, telefonierten die italienische Telefonkarte ab und weiter ging es: Hätte man keine Zöllner an die Grenze gestellt und die Schilder eingespart, spätestens als der Straßenrand zum befestigten Fußweg wurde, hätte man gewusst , wo man ist!

Ja, die Schweiz... Drei Sprachen - in Wahrheit ja sogar vier, denn das rätoromanische hält sich ja auch noch in einigen Gegenden -, verschiedene Kulturen, verschiedene Landschaften, verschiedene Temperamente und doch funktioniert es. Ein Wunder? Oder ein Miniaturmodell für Europa?

Nun, an diesem Samstagvormittag dachten wir darüber nicht nach, wir fuhren über Brissago die wenigen Kilometer nach Ronco, vergewisserten uns, dass die Pensione Andra existiert und starteten gleich nach Ascona und Locarno durch, um mit Hilfe der nicht ganz optimalen Straßenkarte den Einschlupf ins Verzascatal zu finden.

verzascatal

Es gelang uns. Schnell schraubten wir uns die Serpentinen eingangs des Tales bis zum Stausee hinauf. Wegen Wassermangel sah er wenig einladend aus. Das Wetter ließ für Sonnenanbeter wieder keine Wünsche offen und sobald der Fluss zwischen den hellen Felsen grün schimmernde Gumpen bildete, waren auch gleich Leute da, die das Wasser zum Baden nutzten. Dementsprechend lebhaft waren der Verkehr und knapp die Parkmöglichkeiten. In Vogorno machten wir einen ersten kurzen Halt. Man merkt sehr wohl, dass wir kulturell keine Grenze vom Piemont nach dem Tessin überschritten hatten, Sprache und Bauweise der Dörfer hier und dort sind gleich. Die Kirchen sind genauso dunkel. Doch die sozialen Unterschiede sind enorm. Hier ist alles besser in Schuss und die Zahl der verlassenen Häuser ist geringer.

brueckeAn der Anfang des 20.Jahrhunderts rekonstruierten mittelalterlichen Brücke Ponte di Salti bei Lavertezzo machten wir eine größere Pause. Das Unterhaltungsprogramm war vielfältig. Jede Menge Badelustiger bevölkerten das felsige Ufer des Verzasca-Flusses. Die alte Brücke hatte nur sehr niedrige Steinmauern als Geländer und es kostete mich einige Überwindung, bis zur Flussmitte zu gehen. Erschwerend wirkte sich die Wölbung der Brücke aus. Dieser schmale Berg-und Talweg erzeugte ein mulmiges Gefühl in den Knien. Umso spektakulärer wirkten die jungen Burschen, die sich von der Begrenzungsmauer hinunter in den Fluss stürzten. Manchmal musste man um die Taucher fürchten, die sich unten im Wasser tummelten.

Fast 30 Kilometer kann man in das Tal hinauffahren. Kurz vor Sonogno , dem letzten Dorf im Verzascatal, ist auf einem riesigen Parkplatz Endstation. Man ist fast 1000 Meter hoch und trotzdem zeigte das Thermometer 26,5 °C. Hier fütterten wir die Parkuhr für 2 Stunden und machten einen Rundgang. Dieses Dorf war eine wunderschöne Einheit aus alten, gut erhaltenen oder liebevoll restaurierten Häusern und Neubauten, wo alles perfekt zusammenpasste. Ein zentrales Backhaus wird auch heute noch genutzt. Welch Kontrast zu Trarego !

sonogno

Sonogno

Wenige Minuten außerhalb des Dorfes talaufwärts kann man zu einem Grotto spazieren, einer Waldschänke würde man hierzulande sagen. Wir dachten an die Parkuhr, verkniffen uns den Kaffee und wanderten noch bis zum Wasserfall, wo in malerischer Kulisse Ziegen weideten und Ausflügler ihr Picknick abhielten.

Der Rückweg bescherte uns auf dem Kirchhof in Frasco eine Reihe von Bildstöcken mit teils nicht mehr ganz intakten Fresken, die als Ensemble gegen den Abhang hin sehr eindrucksvoll wirkten. Die bedeutendere Sehenswürdigkeit in diesem Dorf ist eine restaurierte Mühle und ein Wasserkraftwerk. Das Museum des Verzascatals hat es sich zum Ziel gesetzt, die materiellen Kulturgüter der Region zu erhalten. Viele der Exponate wie Kapellen und Wandgemälde sind über dass ganze Tal verstreut. Das Museumsgebäude in Sonogno ist der Hauptsitz des Museums und zeigt eine Dauerausstellung zu Themen aus dem dörflichen Leben, unter anderem auch die Verarbeitung von Wolle und Hanf.

Sehr passend fiel deshalb mein Reiseandenken aus: Ich fand eine grobgewebte Stola aus Merinowolle und Seide in traumhaften Farben derart unwiderstehlich, dass mich weder der Preis (120 SFr) noch die Hitze vom Kauf abhalten konnten.

Bei 31,5 °C waren wir gegen 16 Uhr wieder in Locarno und wenig später standen wir dann auf dem Hof der Pensione Andra in Ronco und konnten unserer Neugier freien Lauf lassen. Noch bevor wir das bereitstehende Telefon benutzen konnten, waren wir schon bemerkt worden und wurden von einer freundlichen Dame begrüßt. Das Familienunternehmen, eine selbständige Einrichtung der Europäischen Bildungs- und Begegnungszentren, wird von Herrn Gropengießer geleitet und hat sich zum Ziel gesetzt, den Besuchern das vertiefte Kennenlernen der Region im Rahmen der örtlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu ermöglichen. Begegnungsstätte, das soll auch heißen, dass die Gäste untereinander ins Gespräch kommen, Gedanken und Meinungen austauschen, sowohl plaudern als auch diskutieren können. Meist kommen Gruppen, aber auch Alleinreisende machen gerne hier Ferien. Normalerweise bleibt man eine Woche und macht von hier aus Ausflüge, meinte Frau Gropengießer. Für sie war unsere Anmeldung für drei Tage über Pfingsten etwas ungewöhnlich. Was sind das für Leute, die 1250 Kilometer anreisen, um 3 Tage in Ronco zu verbringen? Sie selbst stammt aus Buxtehude und war gespannt, ob sie uns vielleicht kennt. Doch wir sind erst zugezogen, als sie schon längst in der Schweiz wohnte.

ronco Wir waren von der Hitze ziemlich angeschlagen. Nach dem Duschen und einer kleinen Siesta besichtigten erst einmal die Anlage. Das Andragogium will kein normales Hotel mit vielen Sternen sein, das merkte man schon an der fehlenden Rezeption. Unser Zimmer war einfach und zweckmäßig eingerichtet , ohne Fernseher oder Telefon. Stattdessen fanden wir die eingangs erwähnte Literatur und einiges Informationsmaterial. Vom Balkon aus bot sich eine märchenhafte Sicht über den Lago Maggiore, von Locarno über die Isole de Brissago bis nach Italien hinein. Aus dem seitlichen Fenster hatte man einen prospektreifen Blick auf die Kirche von Ronco. Wir fühlten uns wie im Märchen. Zugegeben, für unsere Verhältnisse war diese Unterkunft teuer, doch zu Pfingsten in solcher Lage mit dieser Aussicht, das war fast unglaublicher Luxus. Die vier Häuser waren durch zahlreiche verwinkelte Treppen verbunden, weiter unten gab es einen kleinen Pool und an vielen schönen Stellen gab es Sitzgelegenheiten mit bester Aussicht. Im Speisesaal standen eine Kaffeemaschine und kühle Getränke zur Selbstbedienung. Informationsmaterial, Prospekte, Spiele, eine umfangreiche Handbibliothek, im Wohnzimmer ein Fernseher und ein Klavier. Wir hätten sicher kein Problem damit, hier auch länger zu bleiben.

Mit vorgerückter Zeit stellte sich ein Problem ein. Wir bekamen Hunger! Am Morgen hatten wir zwar im Ortskern einige Lokale gesehen, aber auch bemerkt, dass es an den engen Straßen am Hang kaum Parkmöglichkeiten gibt. Wir hatten zwei Möglichkeiten: Auto hier lassen und bergauf in den Ortskern zum Essen, danach nur noch abwärts oder mit dem Auto hinauffahren, möglicherweise aber erst noch weiter oben einen Parkplatz finden und nach dem Essen hinauf laufen. Stefan hatte keine Lust, vor dem Essen zu schwitzen, ich hatte keine Lust auf Parkplatzsuche und Schwitzen nach dem Essen.
Dann fand ich einen Zettel, auf dem zu einem Dorffest ins Zentrum eingeladen wurde. Also vermutlich noch weniger Parkplätze als normal. Das gab den Ausschlag: Wir gingen zu Fuß. Stefan war so gnatzig, dass er aus lauter Trotz eine steile Treppe wählte, statt die lang gestreckte Serpentine zu gehen. Ich war völlig fertig, als wir endlich an der Kirche ankamen.

ronco-kirchplatz

Blick vom Kirchenvorplatz in Ronco Richtung Ascona

Welche Enttäuschung , wir sahen nichts von einem Fest. Wo sollte denn hier am Hang noch ein anderer großer Platz sein? Keine Musik war zu hören, nur Stefan meinte, etwas zu riechen. Wir folgten einem handgeschriebenen Schild mit Pfeil zum „Fest“ und landeten in einem Gewirr von schmalen und winkligen Gassen, wie man es hier nicht anders erwarten konnte. Auf einem winzigen Platz mit Brunnen war doch tatsächlich ein Straßenfest im Gange! Eine Treppe war mit Brettern abgedeckt, dort stand der Grill. In einem Hausflur mit Tisch an der Tür gab es Getränke, der abgedeckte Brunnen war das Kuchenbüfett. Die Biergartentische standen an den Hauswänden, davor jeweils eine Bank. Man musste mit dem Blick zur Wand sitzen. Zwischen allem ging ein älterer Akkordeonspieler auf und ab und spielte so ziemlich alles, was man sich zu so einem Anlass vorstellen konnte: Schlager, Volkslieder, Walzer, Operetten und Musicalmelodien. A lles klang richtig gut. Vom Grill gab es Pferdesteak, Schweinerippchen oder Bratwurst, dazu verschiedene Salate und Brot. Als Nachtisch hatte man die Wahl zwischen Käse und hausgebackenem Kuchen. Ich wählte Apfelkuchen: Die Äpfel waren auf dem lockeren Teig mitgebacken und mit eine Schicht aus Apfelsaft und Gelatine wie eine Obsttorte überzogen, nachahmenswert!

Auf den T-Shirts der Leute am Grill und an den Verkaufsständen ließ der Aufdruck „Karnevalsverein Ronco “ den Schluss auf den Veranstalter zu. Die meisten Leute kannten sich. Es kamen alte und junge Leute, Kinder mit Eltern oder Großeltern, einige richtig schick angezogen. Auch die wenigen Fremden waren willkommen. Freundlich wurden wir bei der Wahl des Essens beraten. Mit der Kuchendame kam ich ins Gespräch, weil sie „Zwetschen“ nicht aussprechen konnte und ich ihr das Wort „Pflaumen“ stattdessen empfahl. Ich erfuhr dafür die italienischen Bezeichnungen des Kuchens, konnte mir das aber leider nicht merken. Aus einigen Kellern klang Musik heraus. Hier waren kleine Lokale improvisiert worden. Die Stimmung war locker und fröhlich. Uns gefiel es sehr.

Der Heimweg war dann fast angenehm, es ging nur noch bergab!

Aufkommende Gewitter irgendwo in den Bergen hinter Locarno brachten starken, böigen Wind. Wir konnten die Fenster nicht offen lassen und schliefen in der Hitze schlecht.


1Begegnungen, Texte: „Sinnvolle Feriengestaltung“, „Ewiges Europa“, „Begegnungen mit der Schweiz“, erschienen im Verlag des Andragogiums Ronco-Ascona Tessin Schweiz 1967

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