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Zeitsprünge oder durchs Valle Maggia und auf den Monte Veritá

Pfingstsonntag, 2. Juni 2003

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Bregenz, ein bisschen Bodensee und keine Berge in Sicht

Stippvisite in Bellinzona und der Intercooler

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Beim Frühstück lernten wir Herrn Gropengießer kennen, der den Kontakt zu seinen Gästen suchte und einige Büroarbeiten an einem Tisch im Speisesaal erledigte. Wir nutzten die Gelegenheit, um einige Auskünfte zu erhalten. Seine offene Art trägt sicher auch zu der besonderen Atmosphäre in diesem Haus bei.

Unser heutiges Ziel war es wieder, in einem Gebirgstal der drückenden Hitze hier unten am See zu entkommen. Wir fuhren wieder die obere Straße von Ronco über Losone Richtung Locarno, bogen aber gleich nach der großen Brücke in das Tal des Flusses Maggia ein. Das Valle Maggia ist ein sehr großes Tal, man kann über 100 Kilometer fahren und zahllose Wanderwege führen noch weiter hinauf oder in die benachbarten Täler, östlich das Val Verzasca, westlich das Centovalli. Im Gegensatz zu Italien fanden wir hier in der Schweiz jede Menge Informationen. Wir mussten auswählen, was uns am Interessantesten erschien. Das Tal verzweigt sich weiter oben in 5 Täler, bis nach Cevio hatten wir 30 Kilometer Zeit, uns für eine Richtung zu entscheiden.

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Im Valle Maggia

Noch im Dunstkreis von Locarno gab es, neben blühenden Yucca-Palmen und rotem Oleander, die erste Sehenswürdigkeit: Mit weißgewaschenen Felsen blendet die Schlucht in Ponte Brolla. Der Fluss hat hier eine wildromantische Landschaft geschaffen. So reizvoll es erscheint, Baden ist hier verboten. Das ist aber kein Drama, gibt es doch entlang des Flusslaufes jede Menge Badestellen, an denen es ungefährlich ist, sich in die Fluten zu stürzen. Da hat man diesen riesigen See vor der Haustüre und doch fährt man zum Baden in die Flusstäler , das war in Italien so und ist in der Schweiz nicht anders. Irgendwas ist in der Vergangenheit falsch gelaufen mit der Uferregion des Lago Maggiore.

Im unteren flachen und dicht besiedelten Teil des Valle Maggia war die Straße gut ausgebaut und stark befahren. Wir hatten gelesen, dass hier nach anfänglicher Landflucht seit einigen Jahren wieder ein Bevölkerungswachstum zu verzeichnen ist. Den Orten sieht man das an.

angler

Wildes Camping mit Selbstversorgung beobachteten wir bei Fusio

Anders als im Val Verzasca konnten wir nicht an jeder schönen Ecke halten, denn wir wollten nach Mogno in das am weitesten nach Norden reichende Lavizzaratal. In Sornico konnten wir uns eine kurze Pause nicht verkneifen. Hier wechselte die Straße wieder einmal die Flussseite und die Brücke gab dem Ort das besondere „etwas“. Wer wandern will, findet hier eine Kreuzung vieler markierter Wege.

Wenig später passierten wir das Marmordorf Peccia, wo es seit 1946 einen Marmorsteinbruch und seit 15 Jahren eine Bildhauerschule gibt. Im Vorbeifahren sahen wir einige Marmorskulpturen, wollten aber erst auf der Rückfahrt anhalten, wenn wir noch genügend Zeit übrig haben.

mogno1 Von hier an ging es in steilen Serpentinen straff nach oben. Der Himmel zog sich zu und es wurde kühler. Kurz vor Mogno hielten wir Ausschau nach einer modernen Kirche und erhaschten auch tatsächlich einen Blick auf eine Art Satellitenschüssel. Doch nur für einen Moment. Hätten wir nicht vorher schon Fotos gesehen, wären wir deshalb nicht von der Straße abgebogen. So aber stellten wir das Auto ab und liefen das letzte Stück in den Ort Mogno hinein.

In der Schweiz weiß man, dass die Gegenwart die Vergangenheit von morgen ist; dass man seiner Zeit nicht nur mit dem Restaurieren und Erhalten ein Denkmal setzen sollte , sondern auch Bemerkenswertes und der eigenen Gegenwart gemäßes Neues schaffen muss , wenn man für später ein Bild dieser Zeit hinterlassen möchte.

mogno2 Die in schwarzweiß gehaltene, streng geometrisch und sachlich gehaltene Kirche beeindruckte durch die perfekte Kombination von Farbe und Form. Aus einheimischem Material, dem weißen Peccia-Marmor einerseits und fast schwarzem Vallemaggia-Granit andererseits errichtete der Tessiner Architekt Mario Botta nach dem Lawinenunglück 1986 die Kirche auf einem ovalen Grundriss. Das Glasdach lässt den Innenraum regelrecht erstrahlen. Die gewählte Form und das geneigte Dach werden vermutlich kaum je Angriffspunkte für zukünftige Lawinen sein. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass es heftige Diskussionen um diesen „Fremdkörper“ in der Landschaft gab und geben wird. Andererseits regt sich bei Hotelbauten in Wintersportgebieten kaum jemand auf.

Einsetzender Nieselregen trieb uns wieder ins Auto. In Fusio, inzwischen auf 1289 Meter Höhe, riss die Lawine 1986 genau wie in Mogno viele Häuser und Brücken weg. Die neuen, modernen Häuser aus regionalen und traditionellen Materialien gefielen uns sehr. Von der historische Bauweise hatte man den Schutz der Fenster vor Schnee oder Steinschlag durch kräftige Balken von außen übernommen.

neubauten

Neubauten in Fusio

Bemerkenswert sind im Valle Maggia die zahlreichen Bildstöcke und Mauerfresken des Kunstmalers Giovanni Antonio Vanoni. Besonders fiel uns jedoch ein ganz moderner Bildstock mit einem Mosaik „Alla matre del Salvatore“ von Mauro Valsangiacomo aus dem Jahre 2000 in Fusio auf. Solche Bildstöcke wurden der Überlieferung nach immer dort aufgestellt, wo man wegen eines besonders schwierigen Wegstücks oder anderer Gefahren um Schutz bitten wollte.

Der Regen war inzwischen stärker geworden und die Temperatur auf 16,5 °C gefallen. Wir fuhren zurück. Jetzt, auf der wirklich steilen und schmalen Straße, begegnete uns der Postbus! Ich habe schon im Flachland beim Rangieren in der Nähe von Straßengräben ein flaues Gefühl im Magen, doch hier am Abgrund wurde mir richtig übel. Völlig ohne Grund, wir haben's überlebt.

Abstecher in andere Seitentäler wurden wegen Regen gestrichen. In Cevio hielten wir noch kurz an der Kirche an, schauten uns ein wenig um, denn die Werbung fürs Museum sah recht interessant aus. Leider war Mittagspause.

In Ponte Brolla kreuzt die Straße aus dem Valle Maggia die Centovallibahn von Locarno nach Domodossola. Wir nutzten eine kurze Pause, um noch einen Blick in die Schlucht zu werfen und die Pünktlichkeit der Schweizer Bahn zu überprüfen. Das war natürlich nicht wirklich nötig.

Wieder unten am See angelangt, schlug die Hitze erneut zu. Doch der Tag war noch lang und nach kurzer Siesta brachen wir wieder auf. Der Monte Veritá ist ein Berg, um dessen Bewohner sich viele Geschichten und Legenden ranken. Wir wollten es genauer wissen.

Von Ronco kommt man wohl am besten über Arcegno zum Monte Veritá. Wir versuchten es einmal mit der Anfahrt über Porto Ronco und Ascona und kamen auch an. Der 321 Meter hohe „Berg“ ist der Aussichtsbalkon vor dem viel höheren Hinterland von Ascona. Heute findet man ein Hotel, ein Kongresszentrum und ein sehr informatives und stimmungsvolles Museum dort. Um nicht die ganze Geschichte seit 1869 abzuschreiben, hier die wichtigsten Fakten:

Auf dem Monte Veritá lebten europäische Intellektuelle und Künstler ihre gesellschaftlichen Utopien aus. Er war ein Versuchsfeld für alternative Lebens- und Kunstformen. Alles wurde probiert (und scheiterte), zuerst eine kommunistische, dann eine individualistische Kooperative. Daraus wurde eine Vegetarierbewegung und schließlich eine Sonnen-Kuranstalt.

Neben Vegetariern, Pazifisten, Nudisten, Freimaurern , Feministinnen, Theosophen und Bohemiens fühlten sich vor allem Künstler vom Berg angezogen und kamen zu kurzen oder längeren Kuraufenthalten. Es finden sich bekannte Namen unter den Gästen: Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Erich Maria Remarque, Heinrich Vogeler, Friedrich Glauser, Hans Arp , Gerhart Hauptmann, Walter Gropius. Die Auswahl der Namen ist sehr subjektiv und spiegeln keinesfalls die Bedeutung der Personen für Monte Veritá wider, denn es gab zu viele Namen, von denen wir noch nie gehört hatten. Hier zeigte sich wieder mal, wie einseitig unsere Schulbildung ausgerichtet war. Gescheiterte Kommunismus-Experimente, so etwas hat in keinem unserer Schulbücher gestanden! Indirekt finden sie Erwähnung im Literaturgeschichtsbuch als „Dekadente Strömungen wie der in der Schweiz erfundene Dadaismus“.

verita_postkarte

 Historische Postkarte

Die Einwohner von Ascona betrachteten das schräge Treiben auf dem Berg als Spinnerei. Das kann man durchaus verstehen, wenn man im Museum ausgestellte Bilder und Zeitungsberichte betrachtet. Sommerliche Tanzfeste im Freien hätten durchaus auch heute in der alternativen Szene stattfinden können. Was wäre die Welt ohne Spinner und Phantasten?

Wir verabschiedeten uns aus dieser mystischen Welt in Richtung Gegenwart und Kommerz: Die berühmte Strandpromenade und die Altstadt von Ascona standen auf dem Programm.

Ja, das sah schon alles fein aus. Trotz Feiertag waren die Geschäfte offen, Cafés und Bars lockten die Passanten. Wenn es nicht so heiß gewesen wäre, hätte man hier und da noch länger geschaut, vielleicht mal in eines der schicken Modegeschäfte. So aber beschränkten wir uns auf einen kurzen Bummel, hörten eine Weile bei einem offenbar spontan an der Uferpromenade singenden Chor zu und freuten uns über die ankommenden und abfahrenden schnellen Linienschiffe, die zwischen der Schweiz und Italien unterwegs waren.

Ascona

Uferpromenade in Ascona

Auf dem Rückweg nach Ronco fanden wir einen guten Parkplatz nahe der Kirche und kehrten im Restaurant Pinocchio zum Abendessen ein. Wir bekamen zum Glück einen Tisch auf der kleinen Terrasse. Eine Dame mit großem Hund war weniger froh. Sie hatte wohl telefonisch reserviert und der gewünschte luftige Tisch an der Brüstung war doppelt vergeben worden und demzufolge inzwischen besetzt. Sie war es, wenn auch zähneknirschend zufrieden, an den Tisch neben dem noch unbenutzten Grill auszuweichen. sie musste ja bleiben, denn sie war verabredet und tröstete sich mit einem Cocktail. Jetzt rollte die zweite Dame mit zwei riesigen Hunden an. Ihr Unmut war für niemanden zu übersehen. Nach wortreichen Entschuldigungen der Wirtin und einigem Hin und Her mit ihrer Freundin verließ sie das Lokal. Die Wirtin tauchte wieder auf und fragte bestürzt nach der Dame. „Ja, die ist nun 'Zur Post' gegangen“ „Oh das ist aber nicht schön für Sie, wollen sie nicht auch dorthin gehen?“ „Nein, ich bin nun mal hier“ usw. usw. Als ein Tisch in der ersten Reihe frei wurde, versuchte sie ihre Freundin zurückzuholen. Hund und Glas warteten. „Nein es geht nicht, sie hat schon die Karte“- „Na, wenn sie schon die Karte hat, wird die Martha drüben auch sauer sein! Gehen sie mal besser auch hin. Das Glas krieg ich schon wieder.“ Die Wirtin sprach's und entließ ihre Kundin samt Hund und Coctail zur Konkurrenz.

Was wir gegessen haben, weiß ich nicht mehr. Geschmeckt hat es gut, denn das Gegenteil wäre so außergewöhnlich gewesen, dass ich es mir gemerkt hätte.

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