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Warum die Berge in der Schweiz grüner sind Pfingstmontag, 9. Juni 2003 |
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Bregenz, ein bisschen Bodensee und keine Berge in Sicht Stippvisite in Bellinzona und der Intercooler Das Kloster Eremo di St. Caterina del Sasso Garzoli & Battaglia in Verbania-Intra Warum die Berge in der Schweiz grüner sind zurück |
Diese Frage stellen wir noch ein Weilchen zurück, denn bevor uns die Tatsache als solche klar werden konnte, mussten wir erst wieder in die Berge gelangen. Auf dem Weg dahin – das Vallemaggia war gestern eindeutig zu kurz gekommen – mussten wir zunächst eine andere Frage klären. Der Schriftsteller Erich Maria Remarque, der uns vor allem wegen seines Romans über die Weltwirtschaftskrise „Der schwarze Obelisk“ im Gedächtnis verhaftet war, ist in Ronco begraben worden. Was lag näher, als zu überprüfen, ob er wohl als Grabstein einen schwarzen Obelisken bekommen hat. Das Grab fanden wir schnell auf dem kleinen Friedhof. Es war ein schlichtes Familiengrab, wo neben ihm auch seine Frau und seine Schwiegermutter ruhen. In Ronco war Remarque als lockerer Geselle, der dem Alkohol gern und reichlich zusprach, bekannt. Weitaus bedeutender und sicher öfter gelesen als die Geschichte des Grabsteinverkäufers ist sein erster Roman „Im Westen nichts Neues“, der unter den Nazis verboten war und mit dazu führte, dass Remarque zunächst in die Schweiz auswanderte und dann nach Amerika emigrierte. Ich habe das B uch, in das viel eigenes Erleben des ehemaligen Kriegsfreiwilligen eingeflossen ist, erst nach unserer Reise gelesen und begriffen, warum Remarque als einer dieser „verlorenen Generation“ letztendlich zum Alkoholiker werden konnte. Ich war erschüttert. Warum gehört solch ein Buch nicht zur Pflichtlektüre jedes Kriegs- oder Verteidigungsministers? Warum lesen solche Bücher meist nur Leute, die ohnehin davon überzeugt sind, dass Krieg keine Probleme lösen kann?
Der Friedhof als solcher konnte an keiner schöneren Stelle liegen. Von den terrassierten Gräberreihen am Hang hatte man von überall einen phantastischen Blick über den See. Ein stiller und schöner Ort zur Besinnung. Nächste Etappe war Cevio, der Hauptsitz des Vallemaggia-Museums. Am Pfingstsonntag im Regen hatten wir nicht bemerkt, dass es hier einen alten Ortskern mit bemerkenswerten Patrizierhäusern aus dem 16. Jahrhundert gibt. An der Piazza fiel uns das mit den Wappen der ehemaligen Landvögte prächtig geschmückte Vogteigebäude auf. Viel Reichtum hat es hier gegeben. Als Kontrast dazu einen Kilometer davon entfernt die bäuerliche Steinbausiedlung Boschetto, wo sich das Leben der einfachen Menschen abspielte. Dicht an dicht drängen sich hier die Gehöfte wie wir es nun schon vielerorts in den Gebirgstälern gesehen hatten. einige scheinen bewirtschaftet zu sein, doch in diesem Dorf gibt es niemand mehr, der ständig hier lebt.
Doch zunächst zur Geschichte1: 18 steile Kilometer von Cevio entfernt in einem rundum geschlossenen Talkessel hatten sich vor über 700 Jahren die Vorfahren der heutigen Bewohner angesiedelt. Sie waren nicht von sich aus gekommen. Italienische Grundherren hatten zahlreiche Besitzungen im Oberwallis und brauchten zuverlässige Gefolgsleute, die ihre Besitztümer auch anderswo schützten. Sie rekrutierten sie aus den zahlreichen leibeigenen Bauern im Wallis, gaben ihnen Land in Erbpacht und gestanden ihnen für die damalige Zeit ungewöhnliche Freiheiten zu: Autonomie ihrer Gemeinden, eigene Gerichtsbarkeit, kein Heiratsbeschränkung, volle Freizügigkeit. Als Gegenleistung übernahmen die Walser den ganzjährigen Gebietschutz und sicherten die Pässe. Manchmal wurden sie auch zu Kriegsdiensten herangezogen. So kam es zur Gründung von Walsersiedlungen im Tessin, im Monte-Rosa-Gebiet in Italien, in Graubünden, in Österreich und Deutschland. Doch die Dörfer waren isoliert und wussten nur wenig voneinander. Die Walserdörfer bewahrten sich ihre kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit bis heute, obwohl es zunehmend schwieriger wird, den durch die Mobilität der Neuzeit stärkeren Einflüssen von außen unbeschadet standzuhalten. Der Ortsname Bosco Gurin ist ein Kompromiss : Bosco und Gurin sind der italienische und der deutsche Name für das Dorf, in einem Doppelnamen vereint. Im Museum in Gurin erzählte uns die alte Dame, die uns hereinließ, dass auch ihre Enkel noch das W alserdeutsch beherrschen, obwohl sie nur noch in den Ferien kommen. Das wird wohl in vielen Familien so sein. Doch seit neben der Almwirtschaft auch der Tourismus als Wirtschaftszweig existiert und ausgebaut wurde, finden viele junge Leute im Dorf ihr Auskommen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das Dorf 400 Einwohner. Danach setzte eine Abwanderungswelle ein. 1970 wohnten noch 116 Menschen ständig im Dorf, 1990 gab es noch 58 Einwohner. Seitdem setzte ein Aufwärtstrend ein. Zunehmend siedeln nun auch italienischsprechende Bewohner, oft die zugezogenen „fremdsprachigen“ Ehepartner. Heute versuchen überregional agierende Gesellschaften, die kulturellen und sprachlichen Eigenarten durch Walsertagungen oder Fernwanderungen - z.B. nach Saas-Fee oder Alagna - zu erhalten. Wir haben niemanden G urinerdeutsch sprechen hören. Das ist wohl bei einem kurzen touristischen Besuch auch normal. Im Café, bei ofenfrischem, noch warmem Apfelkuchen, wurden wir in freundlichem schweizerdeutsch bedient. Auf der Rückfahrt bogen wir an der Bahnschranke in Ponte Brolla nach Intragna ab. Dort sollte ein besonders hoher Kirchturm stehen. Was uns bei 33°C im Schatten dorthin trieb, haben wir wohl selbst nicht gewusst , der höchste Kirchturm im Tessin war jedenfalls den Abstecher nicht wert. Wir hätten in jedem Fall bergauf gehen oder Treppen steigen müssen, um in die Altstadt zu gelangen. Dass glaubten wir, nicht mehr zu wollen. Statt dessen fuhren wir zur Pension zurück, studierten
unterwegs die Speisekarte eines „Grotto“ in
Arcegno und steuerten in Ronco den Ortsteil
„Fontana Martina“ an. Dort meinten wir, Spuren des
Worpsweder Künstlers Heinrich Vogeler zu finden. Die schmale
Straße endete in einem Parkplatz. Ein grandioses Panorama mit
Ronco, Ascona und dem See forderte den Fotografen
heraus. Das Abendessen wurde nicht zum gewünschten Erfolg. Wir hatten am Vorabend in Ronco ein Restaurant mit Terrasse und interessanter Speisekarte entdeckt. Ich wollte gerne wissen, wie man hier im Tessin Polenta zubereitet. Ich ging hinein, weil ich noch freie Tische auf der Terrasse sah. Leider war alles reserviert, nur im verglasten Teil der Veranda gab es noch Platz. Stefan war ziemlich wütend, er fand den Tisch abscheulich, war aber nicht bereit, das Lokal wieder zu verlassen. Ich fand es weniger schlimm, hatte aber den Pizzaofen im Gastraum direkt neben der Tür übersehen! Es wurde durchgestanden. Die Polenta gab es ziemlich weich als Ring, in den Pilze gefüllt waren. Es schmeckte gut und machte satt. Ich würde es aber eher als einfache Hausmannskost bezeichnen. So ein Essen hätte sicher besser zu einem Grotto als zum fein gedeckten Tisch des Restaurants gepasst.
1 Bosco Gurin, das Walserdorf im Tessin; Herausgegeben von der Gesellschaft Walserhaus Gurin 1999 |
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